Kolonialmächte im Netz

Beim G8-Gipfel steht die Zukunft des Internets zum ersten Mal auf der Agenda der großen Wirtschaftsnationen. Auf Twitter wird das nicht nur begrüßt. #eG8 lautet deshalb der Hashtag der Woche
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Illustration: Julia Schubert



e-G8? Nein, es geht hier nicht um eine neue Variante des acht Schuljahre dauernden Gymnasiums. Es geht um das Internet, dessen Beschaffenheit und Freiheit – und dessen Zukunft.

Der G8-Gipfel in Frankreich befasst sich dieses Jahr nämlich erstmals mit dem Netz, in Form des auch für den Hashtag der Woche namensgebenden Forums mit dem Titel eG8. Das ist ein konsequenter und eigentlich längst überfälliger Schritt, wenn man bedenkt, wie schnell und tiefgreifend die Digitalisierung und das Internet in den vergangenen Jahren so gut wie alle Bereiche der Gesellschaft umgekrempelt haben – von der Wirtschaft über Dinge wie Datenschutz und Urheberrecht bis zum Prozess politischer Willensbildung.

Allein: Genau diese neue veränderte politische Willensbildung im Netz kann man anhand des G8-Forums jetzt wunderbar beobachten. Unter dem Hashtag #eg8 werden die Debatten, die in Frankreich von Angesicht zu Angesicht geführt werden, in Echtzeit von Netznutzern der ganzen Welt weiterverbreitet und bereichert. Allerdings herrscht nicht etwa große Freude, dass das Internet nun auch beim G8-Gipfel die Aufmerksamkeit bekommt, die es verdient. Denn Nicolas Sarkozys Eröffnungsrede ließ ziemlich deutlich durchscheinen, dass er vor allem mehr Kontrolle im und über das Netz zum Ziel hat. Er verglich das Netz mit einem Universum, das aber kein „paralleles, gesetzloses“ sein könne, in dem es keine fundamentalen Prinzipien gebe, „die das Leben in demokratischen Staaten ordnen“. Es wäre „ein Widerspruch, Regierungen von diesem immensen Forum fernzuhalten“, sagte er weiter.

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Der Zeigefinger des Nicolas Sarkozy - viele finden ihn im Netz unangebracht

Von derlei Aussagen fühlen sich die Pioniere des Internets angegriffen, die sich für ein möglichst freies und für jeden zugängliches Netz einsetzen, in dem nationalstaatliche Kontrolle keinen Platz hat. Sie reagieren mit ironischen, aber auch ängstlichen Tweets auf Sarkozys Rede. Vor Beginn der Konferenz schrieb John-Perry Barlow, Gründer der Bürgerrechtsorganisation Electronic Frontier Foundation: „Is the Internet too important to be remain free? We'll find out at the G8 Information Summit, beginning in Paris today.“ Barlow ist übrigens der einzige Vertreter der Netz-Bürgerrechtler, umgeben von Internet-Schwergewichten Facebook-Gründer wie Mark Zuckerberg und Google-Chef Eric Schmidt, die sich die teure Teilnahmegebühr für das Forum leisten konnten. Während der Konferenz stellte Jeff Jarvis fest: "At #eG8, government acts as if it should protect us from the internet. Instead, the internet needs protection from government." Das Gefühl, dass die Vorreiter des Netzes sich nun von der staatlichen Einflussnahme überrannt fühlen, brachte er so zum Ausdruck: „At #eg8 I feel like a native American or African watching colonial powers sailing in to conquer our new land.“ Ein Vergleich, den übrigens auch SZ-Feuilletonchef Andrian Kreye am Mittwoch in seinem lesenswerten Leitartikel heranzog.

Text: christian-helten - Foto: Reuters

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