Oh wie schön ist Deutschland

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Der Hashtag der Woche fällt aus: die #GermanRevolution findet nicht statt. Unter diesem Schlagwort wollen es einige Twitter-Nutzer den spanischen und ägyptischen Vorbildern gleich tun und eine aus dem Netz organisierte Protestbewegung anstoßen. Das wird nicht gelingen, auch wenn der Tahirplatz in Kairo und die Puerta del Sol in Madrid plötzlich so nah scheinen. In der Bremer Innenstadt (wo am Wochenende auch gewählt wird) stehen die Stadtmusikanten. Bei aller touristischen Attraktivität dieser melodiegeschulten Tiere wird spätestens hier klar, dass die Situation in Spanien und Nordafrika sich doch grundlegend von Deutschland unterscheidet - nicht nur, was die Frage der Twitter-Nutzung angeht. Das soll nicht heißen, dass nicht auch hierzulande, politische Meinungsäußerung über die genannten Kanäle organisiert werden könnte - der Jugendmedienschutzstaatsvertrag und die Debatten zu Stuttgart 21 haben das gezeigt. Es soll aber heißen: Wenn Deutschland den Vergleich mit dem weltweiten Web sucht, findet es meist vor allem sich selbst - mit seinen eigenen Stärken und Schwächen.

Wie das aussehen kann, zeigt dieser Tage die junge Hildesheimerin Marie. Sie ist mit fünfjähriger Verspätung auf Matthew Harding aufmerksam geworden. Den kennt man, weil er damals die Welt betanzte und so eine Antwort auf die Frage gab: Where the hell is Matt?

Matthew tanzte vor großer Kulisse. Man sah ihn in Vendig, Tokio und Brisbane. Er tanzte vor Seelöwen, unter Wasser und auf Felsen. Immer lief der Song "Sweet Lulaby" von Deep Forest und Matthew ertanzte seinen Millionen Zuschauern Fernweh in die Herzen. Marie tanzt auch. Sie tanzt "an 72 spektuklären Orten der unspektakulärsten kleinsten Großstadt Deutschlands", so ist es unter dem YouTube-Clip zu lesen. Und wenn man diese Ortsbezeichnungen im unteren Bildrand laufen sieht, weiß man, was das Besondere an Deutschland ist: Hier tanzt man am Hindenburgplatz, vor der Kultur Fabrik, am Klingeltunnel oder in der Goethestraße. Und auch wenn die Plätze in anderen unauffälligen deutschen Städten vielleicht ein wenig anders heißen, sie sehen fast überall genauso langweilig aus. Und wenn man sich in dieser prototypischen Langeweile Hildesheims verliert, stellt man mit etwas Wehmut fest: Vielleicht ist das auch ganz gut so. 
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