Tony twittert für seinen Tod

Der Brite Tony Nicklinson leidet nach einem Schlaganfall am Locked-In-Syndrom. Über eine spezielle Apparatur kann er Texte verfassen. So twittert er über den Alltag im Krankenhaus und seinen Wunsch nach einem würdevollen Tod.
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Illustration: Julia Schubert

„Religiöse Leute sagen, Gott hat es gegeben und nur Gott kann es auch wieder nehmen, oder irgend so einen Unsinn. Egal welchem Irrglauben ihr anhängt, erwartet keine Zustimmung von mir” schrieb Nicklinson heute in einem über Twitter geführten Interview mit der Guardian-Journalistin Elisabeth Day. Nachdem er vor einer Woche mit dem simplen Botschaft „Hallo Welt. Ich bin Tony Nicklinson, habe das Locked-In Syndrom und dies ist mein allererster Tweet.” binnen weniger Tage eine gigantische Anzahl an Followern verbuchen konnte (Stand heute: 36602), kommt er nun immer deutlicher auf sein eigentliches Anliegen zu sprechen: Das Recht zu sterben.

Nicklinson war bis 2005 ein erfolgreicher Bauingenieur und glücklicher Familienvater. Seit einem Schlaganfall während eines Urlaubs in Griechenland ist er abgesehen von den Augen und Teilen seines Gesichts nahezu vollständig gelähmt, geistig aber vollkommen unversehrt. Hierin unterscheidet sich das Locked-In Syndrom vom appalischen Syndrom, allgemein als Wachkoma bekannt, bei dem die Patienten durch einen Ausfall der Großhirnrinde meist zu keinerlei kognitiven Leistungen mehr fähig sind. Nicklinson ist sich seiner Lage absolut bewusst und über eine Buchstabentafel auch fähig zu kommunizieren. Mit einem Sensor, der die Bewegungen seiner Augen registriert, kann er nun auch Nachrichten am Computer verfassen, in denen er mit schonungsloser Ehrlichkeit ein Dasein schildert, das in seinen Augen nicht mehr lebenswert ist.

Auf die Frage, wie er in einem Tweet die letzten sieben Jahre seines Lebens beschreiben würde antwortet der 58-Jährige: „Unbequem (sechs Stunden in einem Stuhl ohne sich bewegen zu können), würdelos (gefüttert werden wie ein Baby), erniedrigend (weinen vor den Pflegekräften) degradierend (in einer Schlinge über einem Toilettenstuhl hängend kacken), nass (ich sabbere durchgehend, wenn ich wach bin), fauler Geschmack (ich schlafe mit offenem Mund, weswegen meine Spucke trocknet)”.  

Nicklinsons Fall zog schnell die Aufmerksamkeit der britischen Medien auf sich. Am Dienstag entschuldigte er sich bei den Followern für seine Abwesenheit: "Tut mir leid dass ich gerade nicht verfügbar war, ich saß den ganzen Tag bis zum Hintern in einem Haufen Alligatoren (Kamerateams)." Die Präsenz in den Medien versucht er nun zu nutzen, um vor dem britischen High Court seinen Wunsch nach einem Tod durch Beihilfe Nachdruck zu verleihen. Sein Fall unterscheidet sich dabei stark von vergangenen Sterbehilfe-Fällen. Passive Sterbehilfe, also zum Beispiel das Einstellen lebenserhaltender Maßnahmen, ist in Großbritannien in Ausnahmefällen erlaubt. Das Gleiche gilt für eine indirekte Sterbehilfe, bei der dem Patienten ein Suizid ermöglicht wird. Nicklinson aber ist aufgrund seiner Lähmung aber auf aktive Beihilfe angewiesen, die in Großbritannien aber nach wie vor verboten ist. Somit hat er nach britischem Gesetz keinerlei Chance auf einen würdevollen Tod, was er als eine staatliche verordnete Diskriminierung körperlich Behinderter wahrnimmt.

Ins Ausland zu gehen, um bei einer Sterbehilfeorganisation Hilfe zu suchen, lehnt er ab. Er könne sich die im Falle eines pflegebedürftigen Locked-In Patienten wohl sehr teuere Reise nicht leisten und sieht auch nicht ein, warum er es tun sollte. „Wenn die Regierung den Tod ins Ausland exportiert um sich nicht selbst mit Sterbehilfe-Gesetzen befassen zu müssen, sollten sie die Reise wenigstens bezahlen, damit sie sich auch arme Leute leisten können. Diese feigen Parlamentarier sollten nicht aus der Verantwortung genommen werden.”

Falls er mit seinem Anliegen vor Gericht scheitert will sich Nicklinson zu Tode hungern, nach akuteller Rechtslage seine einzige Chance auf einen baldigen Tod . Will er sich und seiner Familie diese enorme psychische und körperliche Belastung wirklich zutrauen? „Ich habe lange darüber nachgedacht und bin zu dem Schluss gekommen, dass ein paar unbequeme Wochen besser sind als weitere 30 Jahre in diesem Zustand.”

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