"Iiiiiiich hab ja nichts zu verbergen!" Wer diesen Satz sagt und dabei seine Augen weit aufreißt, der will sich als rechtschaffener, braver Bürger darstellen. Generell. In diesen Tagen will er damit zusätzlich etwas ganz Bestimmtes ausdrücken: dass er nichts dagegen hat, dass der US-Geheimdienst NSA mit dem Überwachungsprogramm "Prism" ausspioniert, was über ihn bei Facebook, in E-Mails und auf seinem Handy zu finden ist; dass er, behauptet er wenigstens, nichts dagegen hat, wenn jemand Fremdes in seine Privatsphäre vordringt.

Dass heute immer noch Menschen naiv mit diesem Killer-Satz "Ich hab ja nichts zu verbergen" argumentieren, wenn es um Überwachung geht, ist erstaunlich. Schon allein wegen des Nachgeschmacks. Mit dem Slogan "If you've got nothing to hide, you've got nothing to fear" wollte die britische Regierung in den vergangenen Jahren ihr Volk mit den Millionen Überwachungskameras in ihren Städten versöhnen. Damals wurde über dieses "nothing-to-hide argument" diskutiert und unter anderem von Daniel J. Solove klug und ausführlich darüber geschrieben. Die öffentliche Diskussion dauerte aber nicht lange an.

Bei wie vielen "nothing-to-hide" immer noch im Hinterkopf schlummert, kann man unter dem Hashtag #NothingToHide nachlesen. Den gibt es schon seit ziemlich genau vier Jahren. Begonnen hat alles mit der gelungenen Werbekampagne von Air New Zealand , in der unter anderem Stewards, Stewardessen und der CEO Rob Fye nackt mit aufgemalten Uniformen ihrer Arbeit nachgehen, als Symbol dafür, dass ihre Ticket-Preise keine versteckten Kosten enthalten sollen. Der Slogan: "At Air New Zealand, our fares have nothing to hide."

Zwischendurch diente der Hashtag als Sammelbecken für Tweets von Usern, die stolz darauf sind, wie großzügig sie mit ihren Handys und den dort gespeicherten Daten umgehen: " My phone is always on and unlocked... Feel free to check. #NothingToHide ", schreibt eine Userin, eine andere " Seeeee , im the type of girl that dont care if he take my phone while its unlocked."

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Seit Anfang Juni wird der Hashtag vor allem im Zusammenhang mit dem "Prism"-Skandal benutzt. Die Argumentation ist dieselbe geblieben, die User wohl auch. In den früheren Tweets beteuern sie, dass es sie nicht stört, wenn jemand an ihre Handys geht, weil sie nichts zu verbergen hätten. Jetzt, dass sie sich nicht um "Prism" kümmern – weil sie nichts zu verbergen hätten. Sie hätten" nichts Illegales zu verstecken" und seien "keine Terroristen", "keine Drogendealer", "keine Kriminellen". Manche schreiben sogar, sie seien Obama dankbar, weil sie sich durch diese Art der Überwachung sicher fühlen:

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In ein paar wenigen Tweets klingt auch Kritik durch.

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Und dann ist da noch der Twitter-Account @_NothingToHide : Der US-amerikanische Autor und Aktivist Daniel Sieradskis retweetet – manuell, wie er einem Autor von Nerdcore sagte – Tweets, in denen die Wortkombination "nothing to hide" vorkommt. Unter dem Nutzernamen @_NothingToHide steht: "These upstanding citizens have nothing to hide & neither should you". Sein Hintergrundbild ist ein Foto einer Schafsherde. Wenn man gesammelt liest, wie unbesonnen viele mit der Nachricht, dass sie möglicherweise ausspioniert werden, umgehen, und die von den Regierungen propagierte Argumentation weiterverbreiten, liegt das Bild recht nahe.

In vielen Tweets steht: "I don't care." Und ihre Verfasser tun fast alle so, als ginge es bei diesem Überwachungsprogramm nur um Terroristen und ähnliche Kaliber.

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Dass man Terror bekämpfen und vorbeugen muss, wird jeder vernünftig denkende Mensch bestätigen. Dass man die Privatsphäre schützen muss und man sie nicht zusammen mit Meinungsfreiheit aufgeben darf, aber auch. Wer mit solchen regierungskonformen Argumenten für Überwachung plädiert, übersieht, dass sich die Daten, die Geheimdienste sammeln, leicht missbrauchen und dadurch auch falsche Bilder konstruieren lassen.

 

Edward Snowden, der 29-jährige Techniker, der den "Prism"-Skandal enthüllt hat, sagte in dem Video-Interview mit der britischen Zeitung "The Guardian": "(...) you don’t have to have done anything wrong, you simply have to eventually fall under suspicion from somebody, even by a wrong call. And then they can use the system to go back in time and scrutinize every decision you’ve ever made. Every friend you’ve ever discussed something with. And attack you on that basis, to derive suspicion from an innocent life, and paint anyone in the context of a wrongdoer.”

 

Es ist naiv zu denken, dass man im Netz keine Spuren hinterlässt, genauso wie die Annahme, dass nur Terroristen und Drogendealer etwas zu verbergen haben. Wenn man Fotos auf Facebook und Twitter stellt und Instagram nutzt, bedeutet das nicht, dass man will, dass jemand alles über einen sammelt und womöglich falsche Schlüsse zieht. Auch wenn "Prism" nicht verwundert, stören sollte es auf jeden Fall.

 

Text: kathrin-hollmer - Illustration: Katharina Bitzl; Screenshots: Twitter