Geh bitte, Piefke!

Zu Besuch bei Wahlwienern, die in ihrer neuen Heimat nur schwer ankommen.
Von Eva Hoffmann
Tobi

Tobi ist Barkeeper im 7. Bezirk.

Foto: Ingo Pertramer

"Machst mir noch a Seiterl?“ fragt ein mittelalter Mann im ­Anzug und grinst dabei herausfordernd über die Bar. Sein Blick sagt: „Du verstehst eh nicht, was ich sage, gell?!“ Wenn Tobi jetzt auf Krawall gebürstet wäre, würde er vielleicht eine Diskussion anfangen. Würde dem Gast um die Ohren hauen, dass er nach fünf Jahren hinter Wiener Bars Spritzer, Obi und Heferl auseinanderhalten kann. Er erschreckt die Gäste dann gern, indem er zurückfragt: „Magst nicht gleich a Krügerl nehmen?“ 

Fünf Abende in der Woche steht Tobi hinter dieser Bar im siebten Wiener Bezirk. Fast jeden Abend wird das Gespräch mal mehr, mal weniger humorvoll auf seine Herkunft gelenkt. Spätestens wenn er seine Gäste fragt, was es denn sein darf, merken die immer, dass er nicht von hier kommt. Nicht mal aus Österreich, nicht mal aus Bayern, nicht mal aus Süddeutschland. Ein echter Piefke halt. Ein Preuß. Ein (Nord-)Deutscher. Er hat deshalb auch den Job in der Geschäftsführung nicht bekommen, weil man dafür „schon von hier sein sollte, wegen der Kundenbetreuung“, wie sein Chef sagte.

„Piefke“ wird ihm immer noch oft entgegengeschleudert: an der Billa-Kasse, wenn er zu langsam in seinem Geldbeutel kramt. Oder in der Bahn, wenn er sich bei seinem Nachbarn entschuldigt, dem er auf die Füße getreten ist. „Das ist schon eher ­beleidigend. Aber meistens sind das auch alte, verbitterte Leute, die grund­sätzlich gegen alles Nicht-Österreichische sind“, meint Tobi. „Von Leuten in meinem Alter hab ich das noch nie gehört.“

Wer hier gegen Ausländer wettert, hat eine hohe Trefferchance: Jeder zweite Wiener ist zugezogen und ohne österreichische Staatsbürgerschaft. Mittlerweile haben die Deutschen als größte Minderheit sogar die serbischen und türkischen Migranten überholt. Und das schon, bevor Wanda im letzten Sommer ­„sterben wirst du leider in Wien“ über die deutschen Bühnen grölte und die internationale Unternehmensberatung Mercer in ihrer jährlichen Studie die Stadt erneut zur weltweit lebenswertesten Metropole kürte.

Die deutschen "NC-Flüchtlinge", so heißt es, nehmen Österreichern die Studienplätze weg

Während in Deutschland und Österreich heftig über die Integration von Flüchtlingen gestritten wird, sind es hier in Wien auch die Deutschen selbst, die immer wieder mit Ressentiments zu kämpfen haben und denen vorgeworfen wird, in einer Parallelkultur zu leben. Hier gehören sie auch ein bisschen zu „den anderen“ – wenn auch im Vergleich zu Migranten, zum Beispiel aus Syrien oder Afghanistan, in deutlich abgeschwächter Form. Alles „NC-Flüchtlinge“ – das ist häufig die Erklärung für den Zuzugs-Boom. Fächer wie Medizin oder Psychologie sind hier nämlich nur durch eine Aufnahmeprüfung beschränkt, den gefürchteten NC gibt es in Österreich nicht. Die Deutschen, so heißt es dann oft, nehmen den Österreichern die Studienplätze weg.

Als Paula, 22, vor einem halben Jahr für den Aufnahmetest zum ersten Mal in Wien war, wusste sie von den Vorurteilen gegenüber den NC-Flüchtlingen, vor allem andere Deutsche sprachen darüber. „Von Wienern selbst habe ich nie direkt blöde Kommentare in dieser Richtung gehört. Ich glaube, den Stress hab ich mir eher selbst im Kopf gemacht: Ich fragte mich, ob mir der Studienplatz wirklich zusteht.“ 

wien paula

Paula fühlt sich wohl in der Stadt und in der Uni.

Foto: Ingo Pertramer

Nach einem halben Jahr zweifelt sie daran nicht mehr. In Seminaren werden die Gruppen per Zufallsprinzip zusammengesetzt und die kollektiven Nervenzusammenbrüche in der Prüfungsphase schweißen auch zusammen. Mehr als fünf Jahre wird Paulas Studium noch dauern, Heimweh hat sie schon jetzt nicht mehr: „Ich fühle mich inzwischen schon sehr wohl hier und kann mir vorstellen, dass ich nach sechs Jahren Studium einfach bleibe.“ So scheint es vielen Deutschen zu gehen. Mittlerweile machen sie gut fünfzehn Prozent der österreichischen Gesamtbevölkerung aus. Das ist sehr viel mehr, als alle flüchtigen Medizin- und Psychologiestudenten zusammen aufbringen könnten.

Auch Tobi kam vor fünf Jahren zum Studieren nach Wien. „Ich glaube, es geht vielen Leuten so wie mir. Zuerst kommen sie fürs Studium und dann lässt die Stadt sie nicht mehr los. Plötzlich weiß man gar nicht mehr genau, warum man noch hier ist. Aber gehen will man auch nicht mehr.“

Bei Österreich dachte er anfangs hauptsächlich an Urlaub, Berge und vielleicht noch an Jörg Haider. „Wahrscheinlich war ich genau einer von diesen Deutschen, auf die so oft geschimpft wird: null Ahnung von Österreich und immer unter seinesgleichen“, ­erzählt er am Küchentisch seiner WG. Er kam eben über einen ­Jugendfreund aus Deutschland nach Wien, und im Studium war alles so groß und anonym, dass er sich erst mal an die Altbekannten hielt. Er lebte in einer kleinen deutschen Parallelgesellschaft. Das änderte sich erst, als er sein Studium abbrach und anfing, ­Musik zu machen. Das Wiener Nachtleben ist international, und so ließ er mit seiner Band die rein deutschen Freundeskreise schnell hinter sich. 

Handy
Foto: Ingo Pertramer

Trotzdem: Am WG-Tisch sitzen heute Abend wieder nur Deutsche. Zufall? „Praktische Grüppchenbildung“, meint eine Mitbewohnerin aus Berlin. Weil jeder in Deutschland jemanden kennt, der jemanden kennt, der schon irgendwo in Wien wohnt. „Dann zieht man halt dazu, die Österreicher machen das ja ­genauso“, sagt sie. In Wien gibt es Studentenwohnheime, in denen jeweils nur Vorarlberger, Oberösterreicher oder Tiroler ­leben. Die Vermieter kommen selbst aus den Regionen – und die Vermittlung läuft auch hier über Kontakte. Trotzdem haben sich Deutsche und Österreicher, Wiener und Zugezogene irgendwie vermischt. Wie zum Beweis treffen jetzt zwei Wiener zum Abendessen in der WG ein. Es kommt Lokalpatriotismus auf: „Die Wiener haben einfach mehr Swag“, sagt Viktor. Damit meint er eine Lebensart irgendwo zwischen Money Boy, Beisl und ­Opernball, die im Reiseführer ­vielleicht als „Schmäh“ bezeichnet würde. „Das kann man nicht in deutschen Dialekt übersetzen“, meint er. „Eine Mischung aus städtischer Arroganz, bitter- bösem Humor und guter Stimmung vielleicht. Die Wiener ­schaaßen sich einfach nix.“ Will heißen: Hier kann jeder sein, was er will, und keinen juckt’s. Viktor kam als Punk nach Wien, ­studierte dann Informatik, und heute hört er eben gern Money Boy und Yung Hurn.

 

"Den Wiener Humor können Deutsche einfach nicht nachvollziehen."

 

Dass es für jeden Spleen eine Subkultur gibt, ist der Vorteil so ziemlich jeder Großstadt. „Nur in Wien gibt es vielleicht noch mehr Raum für Laster als in den hipsterhaften deutschen Städten, wo alles so aufpoliert ist. Vielleicht ist Wien der letzte deutschsprachige Sündenpfuhl“, vermutet Viktor, und am WG-Tisch ist man sich einig, was man hier gut findet: rauchen, immer und überall. Kurze Wege und hohe Partydichte. Hochsommerliche Hundstage, an denen es gesamtgesellschaft­lich anerkannt ist, überhaupt nichts mehr zu tun. Einziger Streitpunkt: Humor. „Den können viele Deutsche einfach nicht nachvollziehen“, meint Viktor. „Da gibt es dann doch eine Sprachbarriere, die wir im Gegenzug nicht haben, weil wir zum Beispiel deutsches Fern­sehen kennen.“

 

Dass Tobi bei der Arbeit in der Bar immer mit seinem ­„Bundesdeutsch“ aufgezogen wird, wundert die Wiener am Tisch nicht. Er klingt für sie wie ein Fernsehsprecher – und für seine Gäste wahrscheinlich auch. „Das wird niemals egal sein“, glaubt Viktor. „Wir haben vielleicht alle ähnliche Gründe, hier zu leben, aber konservative Menschen werden sich immer auf ihre Eigenheiten berufen und andere ausschließen. Da ist es eigentlich egal, welcher Minderheit der andere angehört.“

 

Vermutlich wird es also noch dauern, bis Tobi, der Piefke, als Tobi, der Wiener, anerkannt wird. Daran glauben wird er erst, wenn seine Gäste bei ihm nur noch „Obi g’spritzt“ bestellen, statt ihm „A-P-F-E-L-S-C-H-O-R-L-E“ ins Gesicht zu buchstabieren.

 

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