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In der neunten Klasse erreichte mein Interesse am Schulstoff einen gewissen Tiefpunkt. Nichts sehr Dramatisches. Ein bisschen „Vorrücken gefährdet“ eben. Und ein kürzeres Gespräch mit der Klassenlehrerin, in dem sie sich sehr bemühte, eine bohrende Eindringlichkeit in ihren Blick zu legen, während sie mich fragte, ob ich wirklich plane, wegen Geschichte und Sozialkunde durchzufallen. Oder ob ich meine sehr schwankende Mitarbeit nicht irgendwie stabilisieren könne.

Ich konnte nicht. Das lag auch an neuen Leidenschaften (Gitarre spielen war zum Beispiel wichtiger als Schule). Es lag aber noch etwas mehr an dem Typen, neben dem ich saß – ein brillant-kindsköpfiger Volllurch, mit dem ich heute noch gerne Biere trinke. Und den zwei Jungs eine Reihe vor uns: die obligatorischen frühreif-körperhaarigen Klassenstörenfriede, die in Freistunden im Sportlerheim nebenan Bier tranken und auf dem Klo rauchten. War eine tolle Zeit. Fensterreihe. Ganz links hinten. Sehr hohe Dichte an pickeltriefendem Pennälerhumor. Ich habe nie wieder so viele Tränen gelacht – und so wenig vom Unterricht mitbekommen. 

Was nun übrigens keine Ausrede sein soll. Ich will nicht meine noch immer hochnotpeinlichen Lücken beim Thema Weimarer Republik auf den Banknachbarn schieben. Ich will auf das Gegenteil hinaus: Eben weil mir damals jeder noch so dumme Peniswitz näher war als Ebert oder Hindenburg, habe ich mir das Sitzeck und die Menschen dort ausgesucht. Weil ich Ablenkung wollte, zog ich mich in eine Festung aus Störenfrieden zurück. Und ich behaupte, dass sich eben das durch unser aller Leben zieht.

Ich kann die ersten 25 Jahre meines Lebens besser in Banknachbarn einteilen als in Jahreszahlen

Neben wen wir uns über die Jahre und durch alle Institutionen gesetzt haben, in denen man Banknachbarn hat, zeigt vor allem anderen, wer wir selbst damals waren: der Kindergartenfreund, an den man sich in der Grundschule hielt. Am Gymnasium dann der Mensch, den man aus der Grundschule kannte. Obwohl man bei genauer Betrachtung mit beiden wenig gemein hatte. Der Engagierte, von dem man abschreiben konnte. Die Mädchen in den ersten Uni-Semestern, in die man sich reihum verknallte, und von denen eine die beste Freundin und die andere eine der prägendsten Beziehungen wurde. Alle wunderbare Erfahrungen, die uns zu dem gemacht haben, was wir sind. Aber: Alle mehr noch ein Spiegel dessen, was uns damals umgetrieben hat: zum Beispiel die Suche nach etwas Bekanntem in einer beängstigenden Umgebung wie der Grundschule, die einem Sechsjährigen riesig und fremd vorkommt. Oder die Suche nach Orientierung, Abgrenzung, Antworten auf Prüfungsfragen, Sexualpartnern, Liebe. Also eigentlich: die Suche nach uns selbst. Ich kann die ersten 25 Jahre meines Lebens besser in Banknachbarn einteilen als in Jahreszahlen – und vor allem aussagekräftiger. 

Sie alle waren, neben wunderbarer Ablenkung, immer auch ein kostenloses Studium in Menschenkunde. Eigentlich sogar in Lebenskunde. Ich kann seit der neunten Klasse zum Beispiel mit einer recht beachtlichen Quote sagen, wann jemand bei seinen Gelagefähigkeiten (in Freistunden aber auch sonst) ein paar Biere hinzudichtet. Ungefähr ab der elften Klasse verstand ich, was Menschen umtreibt, die andere nicht abschreiben lassen. Seit dem Studium weiß ich, dass es sich lohnen kann, Frauen, die sagen „Ich glaube, du bist etwas wirklich Besonderes“, nicht zu küssen. Frauen, die die S-Bahn verpassen, hingegen unbedingt.

 

Und noch etwas lehren Banknachbarn: Oberflächlichkeiten zählen! Menschen (zunächst) nach ihrem Aussehen, ihren Klamotten, der Art, wie sie ihre Haare aus dem Gesicht streichen und ihre Kippen rauchen, zu beurteilen, ist nicht nur legitim. Es ist absolut notwendig. Und es funktioniert. Die Freundschaft zu W., der im Grundkurs Politische Theorie das T-Shirt von der richtigen Band anhatte, übersteht seit vielen Jahren die Distanz zwischen München und Mittelhessen. Der Typ mit dem Button-Down-Hemd und dem schattigen Sektenblick, zu dem ich von Anfang an größtmöglichen Abstand hielt, stellte sich in der dritten Sitzung tatsächlich als Besserwisser mit rechter Schlagseite heraus. Ich bin immer wieder verwirrt, dass wir in Sekundenbruchteilen so zutreffende Prognosen hinbekommen, ohne irgendetwas über Menschen zu wissen. Wer sich da noch über Tinder beschwert, hat nichts verstanden. Wahrscheinlich, weil er immer neben den falschen Leuten saß.