Tattoos, die den Schmerz verjagen

Vier Geschichten über den Schluss-Stich.
Von Tim Bruening (Fotos) und Mercedes Lauenstein

Nach der Massenpanik auf der Loveparade in Duisburg im Juli 2010 haben sich einige der Überlebenden das Datum des Unglücks auf ihren Körper tätowieren lassen. Nach dem Amoklauf Breiviks auf der norwegischen Ferieninsel Utoya war es ähnlich. Immer wieder hört man, dass Überlebende von tragischen Unglücken sagen: Ein Tattoo hat mir geholfen, mein Trauma zu bewältigen. Und auch bei weniger schlimmen, aber doch tragischen Ereignissen scheinen viele Menschen Tattoos als eine Art Pflaster emotionaler Wunden zu betrachten.

Aber wie funktioniert das? Kann das überhaupt funktionieren? So ein bisschen Tinte unter der Haut und schon bleiben die Alpträume aus? Wer kein Tattoo trägt, kann das schlecht nachfühlen.

Vielleicht ist es so: Tattoos erzählen Geschichten, sie manifestieren Erinnerungen an Durchlebtes. Und darin besteht ihre Heilkraft. Das Erlebte nicht zu verdrängen, sondern sich immer wieder schonungslos als Teil des eigenen Lebens vor Augen zu führen und zu akzeptieren. Am besten aber lässt man sich das Phänomen Schicksalstattoo von Menschen erklären, die sich damit auskennen. Weil sie eines auf dem Körper tragen.​ 

Marcel, 30, Projektkoordinator   "Ich habe immer nur zwei richtig gute Freunde gehabt. Mit dem einen habe ich schon im Sandkasten gespielt, wir wohnten in derselben Siedlung. Wir haben alles zusammen durchgemacht, erste Liebe, erste Discobesuche, alles.   Vor ein paar Jahren hatte er dann seine erste richtig lange Beziehung. Ich habe mich für ihn gefreut. Aber irgendwie konnte seine Freundin mich nicht leiden. Sie mochte es nicht, wenn wir uns trafen. Wir sahen uns immer weniger. Und wenn, war sie dabei. Beim Fußballgucken quatschte sie dauernd rein, weil Fußball sie nicht interessierte. Zu seinem Geburtstag schenkte ich ihm, dass wir zusammen nach Dortmund ins BVB-Stadion zu einem Spiel fahren, davon haben wir beide schon immer geträumt. Er sagte, er könne die Karten nur annehmen, wenn ich auch noch eine für seine Freundin kaufte. Da habe ich ihm gesagt, dass es so nicht mehr weitergeht. Dass er sowieso in letzter Zeit schon kaum mehr für mich da ist, nicht einmal, wenn ich ernste Sorgen habe und ihn brauche. Dass mich das traurig macht und sich das ändern muss, wenn wir weiter Freunde bleiben wollen. Er entschied sich gegen mich und für seine Freundin und ich habe seither nie wieder was von ihm gehört. Obwohl sie sich vier Monate später trennten, wie mir ein Freund erzählte.   Kurze Zeit später enttäuschte mich dann auch noch mein anderer Freund. Nur wenige Tage nachdem meine damalige Freundin und ich uns nach fünf Jahren schmerzvoll voneinander getrennt hatten, kam er wie aus dem Nichts mit ihr zusammen. Es ging mir elend, ich war am Boden zerstört. Ich hatte also innerhalb eines Jahres meine beiden einzigen Freunde verloren, weil sie mich hintergangen hatten.   Lange kam ich nicht damit klar. Dann entschied ich mich für ein Tattoo, ein Tattoo, das zeigt, wie schnell jemand, dem du tief vertraust, sich gegen dich wenden kann. Dass Menschen sozusagen Engel sind, denen aber auch der Teufel innewohnt. Daran erinnert mich dieses Tattoo: dass man einem Menschen nie zu leichtfertig vertrauen sollte."    Foto: Tim Bruening

Schwede, 35, Vertriebsassistent   "Ich bin hauptsächlich bei meiner Großmutter aufgewachsen und hatte daher immer einen sehr engen Bezug zu ihr. Sie hat mich zu dem gemacht, was ich bin. Als sie 2007 an Altersschwäche starb, war das für mich schlimm. Um damit klarzukommen, habe ich als musikaffiner Mensch natürlich vor allem zu Platten gegriffen. Damals kam gerade eine neue von Chuck Ragan raus, ein Song berührte mich besonders, „The Boat“. Der hatte irgendwie so eine Kopf-hoch-Mentalität, das hat mich aufgebaut: Halt den Kopf über Wasser, es geht immer weiter, gib nicht auf.   Irgendwann entschloss ich mich dazu, mir die Botschaft dieses Songs auf das Schienbein tätowieren zu lassen: ein Schiff auf einem Herz, das auf einer Welle durch den Sturm getragen wird. Das war für mich damals ein großer Trost und Mutmacher, auch, weil es ja so ein recht universales Motiv ist, das einem auch in anderen Lebenslagen Hoffnung gibt.   Ich muss aber auch sagen: Mittlerweile glaube ich nicht, dass ich das Tattoo gebraucht hätte. Ich bin heute kein großer Fan von solch bedeutungsschwangeren Tattoos. Ich denke, dass man sich oft einfach nur einredet, dass der Schmerz des Tätowiertwerdens und so eine Message auf dem Körper wirklich etwas in einem verändern. Es ist eher das Gegenteil. Oft wecken Tattoos, die man sich aufgrund trauriger Erlebnisse gemacht hat, traurige Erinnerungen. Aber keine Angst: Ich bin im Reinen mit meinem Tattoo. Es ist ja ein positives Motiv. Ich glaube nur, dass ich es mir heute nicht noch einmal machen würde. Ich habe mich im Laufe der Jahre verändert, genau wie mein Denken über solch eine Tätowierung."   Foto: Tim Bruening

Aleen, 35, Künstlerin   "Mein Karton-Tattoo erinnert mich an einen guten Freund von mir, der sich leider vor einigen Jahren umgebracht hat. Er war Mitbesitzer einer Bar in Hamburg, der Cobra-Bar, dort habe ich damals gearbeitet. Nach der Arbeit sind wir hin und wieder noch weitergezogen. Wir haben uns sehr gut verstanden. Er hat immer zu mir gesagt, ich sei seine kleine Schwester.   Einmal kamen wir nachts nach Feierabend in eine Bar und als die Tresenfrau uns sah, fragte sie ihn: "Na, ist das jetzt deine neue Freundin?“ Er hatte dauernd neue Freundinnen, das wäre also nichts Ungewöhnliches gewesen. Wir setzten uns an den Tresen und er antwortete ihr: „Nein, das ist meine kleine Schwester, die habe ich neulich in einem Karton an der Bushaltestelle gefunden.“   Ich hatte längst vergessen, dass er das über mich gesagt hatte, als er dann starb. Auf der Beerdigung aber stand diese Anekdote in einem Buch, das jemand dort ausgelegt hatte, um Erinnerungen an ihn zu sammeln. Die Barfrau von damals war auch da gewesen und hatte es hineingeschrieben. Das hat mich gerührt. Und dann habe ich mir einfach diesen kleinen Karton stechen lassen, als liebevollen Wegmarker für das erste Mal, dass jemand aus meinem Bekanntenkreis gestorben ist, und als schöne Erinnerung an einen tollen Menschen.   Ich finde Tattoomotive oft viel zu dramatisch. Dieser Karton ist humorvoll, er hat eine Leichtigkeit, die mir gefällt und die zu unserer Freundschaft passt. Ich denke immer mit einem Lächeln an meinen alten Freund, wenn ich den Karton sehe."    Foto: Tim Bruening

Oliver, 39, Übersetzer und Gitarrist in einer Band   "Ich habe damit begonnen, mich tätowieren zu lassen, nachdem ich wegen Depressionen eine Zeit lang in der Psychiatrie verbracht habe. Alle meine Tätowierungen erzählen eine persönliche Geschichte. Die beiden schwarzen Ringe auf meinem rechten Oberarm zum Beispiel sind ein Trauerflor für meine Eltern, die mit nur einem Jahr Abstand beide durch tragische Unfälle ums Leben kamen.   Mein Vater lebte an der irischen Westküste und hatte sich ein kleines Boot gekauft, um sich damit die Felshöhlen der Steilküste näher ansehen zu können. An einem sonnigen Tag fuhr er mit seiner Nachbarsfamilie raus auf die eher ruhige See. Kurz vor der Höhle, die sie sich ansehen wollten, erfasste sie eine riesige Flutwelle, brachte das Boot zum Kentern und drückte die Familie und meinen Vater tief in die Höhle hinein. Zum Glück konnte sich die Nachbarsfamilie – Mutter, Vater, Tochter – an einem flachen Ufer tief im inneren der Höhle retten. Mein Vater schaffte es nicht. Er war gegen einen Felsen geschmettert worden, wurde dann bewusstlos und ist ertrunken. Die Familie harrte 24 Stunden in der Höhle aus, bis sie gerettet wurde. Noch bei der Rettung selbst kam ein Bergungstaucher ums Leben, denn die See war nun stürmisch und in der Höhle tobte das Wasser wie im Schleudergang einer Waschmaschine.   Meine Mutter starb knapp ein Jahr später. Sie war Hobbypilotin und hatte sich mit einer Urlaubsbekanntschaft in Spanien eine Cessna samt Copilot gemietet, um nach Nordafrika und zurück zu fliegen. Auf dem Rückflug erfasste sie ein Fallwind und sie prallten gegen eine Felswand. Meine Mutter und der Copilot starben sofort, der dritte Passagier überlebte mit schweren Verletzungen und wartete auf dem Berg 24 Stunden lang auf seine Rettung.   Die Tode meiner Eltern weisen erstaunlich viele Parallelen auf. Es hat immerhin etwas Tröstliches, dass sie beide beim Ausüben einer Leidenschaft ums Leben gekommen sind. Aber es war hart für mich. Mit Anfang 20 und ohne Geschwister war ich auf einmal völlig allein und fühlte mich haltlos.   Viele Jahre später ließ ich mir diese Tätowierung stechen. Es war schön, mich während des langwierigen Prozesses des Tätowierens noch einmal mit dem Schmerz über ihren Verlust auseinanderzusetzen. Meine Eltern jetzt immer auf meinem Bizeps zu tragen, ist für mich ein gutes Gefühl, es stärkt mich. Ich leide seit jeher an Depressionen und fühle mich oft kraft- und antriebslos. Mein ganzes Leben begleitet mich die Sehnsucht, richtig in der Kraft stehen zu können. Ich arbeite daran, und mache seit Jahren Therapie. Meine Tätowierungen tragen definitiv ihren Teil dazu bei. Außerdem finde ich sie schick."   Foto: Tim Bruening

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