"Besser als Miete zahlen."

100 Sätze reichen für ein ganzes Leben. Regelmäßig stellt unser Autor einen vor.
max-scharnigg

Da unsere Leben zunächst zwar sehr individualistisch angelegt sind, aber dann doch überwiegend gleich verlaufen, stehen wir alle dauernd vor ähnlichen Entscheidungen und wissen praktischerweise schon, was an welcher Weggabelungen zu sagen ist – weil wir es oft genug von anderen gehört haben. Wer also über seinen Zivildienst nachdenkt, dem liegt das „Ich will nicht alten Leuten den Hintern abwischen“ schon sehr sicher auf der Zunge. Wer sich vom Superschatzi trennen möchte, führt probehalber ein theatralisch-abgegriffenes „Ich brauche jetzt erst mal Zeit für mich“ ins Feld und rund um eine Beerdigung wird so manche Entscheidung mit einem geheuchelten „Ich glaube, das wäre ganz in seinem Sinne“ durchgesetzt.

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Illustration: Julia Schubert

Was den Satz mit der Miete angeht, so soll er die Inbesitznahme von Immobilien und Land rechtfertigen. Ab einem gewissen Lebensalter häuft er sich rings um den harmlosen Mieter und stellt plötzlich Sinn und Zweck seiner weiteren Existenz in Frage. Dass einem die Immobilienkäufer ungefragt vorrechnen, wie viel rationaler es doch sei, Kredite abzuzahlen statt Miete zu verbrennen, liegt aber nur an ihrem eigenen schlechten Gewissen. Sie nämlich können die drückende Last eines 300 000-Euro-Kredits und die Aussicht auf ihre eigene Verschuldung bis an die Griffe des Rollators eben nicht verkraften. Sie suchen Linderung in Form von Zustimmung zu ihren grotesken Eigentümern. Sie wollen hören, dass sie vollkommen richtig gehandelt hätten und dass man es sich selber ja auch schon längst überlegt etc. Vermeintlich klüger, möchten die Grundbesitz-Geier einen nur heimlich auf ihre Seite holen, um dann in einer ihrer vielen schlaflosen Nächte sagen zu können: „Aber alle Freunde machen es doch auch!“ Diesen Gefallen sollte man ihnen nicht tun, sonst fangen sie bald an, auch von Kreuzfahrten und Keramikzähnen zu schwärmen, die strenggenommen viel rentabler, schöner und auf Dauer auch günstiger wären, als das, was man bisher so hatte. Im Grunde hat doch jeder Freund irgendeine Sache, die er gerne mit anderen teilen würde, damit er sich nicht alleine damit so doof vorkommt. Die Hundehalter preisen Allroundhunde, Kinderbesitzer den Besitz eines Universalkindes und wer nichts hat als ein Doppelkinn, versucht auch das noch mit Vernunft zu begründen, zum Beispiel weil er findet, dass Einzelkinne ja immer so verwöhnte Gören sind. Spätestens dann muss man Einhalt rufen und erklären, dass man überhaupt kein eigenes Doppelkinn besitzen möchte – das gemietete reicht doch immer noch völlig aus.

Text: max-scharnigg - Illustration: Katharina Bitzl

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