„Da tut sich gerade unheimlich viel!“

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Ein schöner, hoffnungsvoller Satz ist das. Meistens weiß zwar keiner der Beteiligten, was genau sich „da“ so unheimlich viel tut, aber es ist ja sehr beruhigend, dass es überhaupt irgendwo tutet. Unheimlich viel tut sich zum Beispiel oft im Osten, sei es nur in den östlichen Stadtteilen oder aber gleich in Polen und Litauen. Von dort kommen die Abenteuerlustigen zurück und reißen die Augen zu dicken Glotzmonden auf. „Da tut sich gerade so viel!“, schreien sie und wackeln vieldeutig mit ihren schönen Körpern. Als Beglotzter bleibt einem nichts, als staungläubig zu nicken. Man sieht, jaja, es schon so etwa vor sich, im internen Hirn. Wie also Baggerkolonnen in Vilnius einrücken, gefolgt von riesigen bunten Clownsparaden und überall gibt es kostenlos Bananen.

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Illustration: Julia Schubert

Wenn man aber nachfragt, was genau sich so unheimlich viel tut, stellt sich oft heraus, dass die Reisebienen nur in einem „ultranetten“ Café gesessen waren. Und dabei jemanden beobachtet haben, der „sehr stylish“ angezogen war und der ein selbstgemaltes Plakat aufgehängt hat, welches über ein baldig stattfindendes Konzert einer Band namens „The Kanonenbrot“ informierte. Eine derlei gemütvolle Straßenszene reicht locker aus, um genau jene ewige Hoffnung der Reisenden zu bestätigen, die sie ständig in die abseitige Städte fahren lässt. Dass sich nämlich dort gerade unheimlich viel tue und sie die Ersten sind, die es der restlichen Welt mitteilen können. Auslachen würde man ja den, der proklamiert, in London tue sich gerade unheimlich viel oder in der Fußball-Champions-League. Wer die Behauptung aber mit Blick auf die Westausläufer der Karawanken aufstellt, dem bleibt sie meistens unwidersprochen. Unheimlich viel tut sich auch, wenn junge Eltern über die Leistungszuwächse ihrer Neugeborenen berichten. „Wenn er dann so zuguckt, wie ich den Kofferraum zumache, dann merkt man, wie sich da ganz viel tut, bei ihm.“ Es ist schön für den Kofferraum, dass er so etwas auslösen kann, nach all den Jahren schlichter Zuklapperei. Aber der unmotorisierte Zuhörer ahnt auch in diesem Fall wieder nur sehr vage, wie genau man sich das unheimlich viel Getane im Kind vorzustellen hat. Da blubbert und rotzt es doch immer gleich durch die Synapsen. Manche nutzen die Verschleierungsqualitäten des Hauptsatzes auch absichtlich, um sich vor echten Informationen zu drücken. Wenn ein Firmensprecher beteuert, in dieser und jener Abteilung tue sich gerade unheimlich viel, dann kann man davon ausgehen, dass entweder gar nichts Nennenswertes geschieht oder aber der ganze Laden bald im bodenlosen Chaos und grässlichsten Durcheinander versinken wird. Bei diesen Zuständen tut sich nämlich auch immer unheimlich viel.

Text: max-scharnigg - Illustration: Katharina Bitzl

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