„Das hat bei Ökotest aber ,sehr gut’ gekriegt“

100 Sätze reichen für ein ganzes Leben. Jede Woche stellt unser Autor einen vor.
max-scharnigg

Unter realen Bedingungen erfährt dieser Satz meist noch mehr Verstümmelung. Dann sage ich eigentlich nur: „Des da hat Öko-Test sehr gut!“ Ich lasse also einen räudigen Hund von einem Satz auf meiner Zunge Gassi gehen. Dabei zeige ich auf eine Zahnpasta oder ein Stück Käse im Regal, denn wir befinden uns in einem Supermarkt, meine beloved feste Freundin und ich. Der Witz ist jeweils der, dass wir da ja eigentlich erst das wahnsinnig teure Markenprodukt nehmen wollen, um unser Leben mit dessen Markenimage ordentlich aufzupolieren. Dann aber sehen ich oder das Fräulein den Ökotest-Wimpel an der wahnsinnig billigen Kartonmargarine und nehmen die – unter Ausposaunung des Hauptsatzes.

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Illustration: Julia Schubert

Dieses Verhalten, das sich relativ problemlos auch auf Bio-, Regionale-Produkte-, Delphinfreundlicher-Thunfischfang- und Frei-von-Geschmacksverstärker-Siegel übertragen lässt, macht den Einkauf kurzweilig. Denn es ist ja so ein bisschen wie Schatzsuche, nur dass es statt eines Schatzes ein gutes Gefühl zu finden gibt. Man mag glauben an was man will, der Griff zur ÖkoTest-SehrGut-Zahnpasta leiht einem für eine kleine Weile so ein gutes Gefühl aus. Er bewirkt, jedenfalls bei mir, eine kurze Linderung der Alltagsschärfe. Mit dieser Ökopaste in meinem Einkaufswagen also, das denke ich wirklich kurz, wird vielleicht alles wieder gut werden. Sie wird besser schmecken als alle anderen und sie wird Zähne, Zunge und Zäpfchen so richtig aufmischen – so sehr, dass Wildfremde beim Vorbeigehen sagen: „Haste das Zäpfchen von dem gesehen, das war Eins A!“ Ich erliege somit pfeilgerade dem Trugschluss, dass etwas, dessen einziges Verdienst es war, bei Lebensmittelchemikern nicht negativ aufzufallen, mit mir aktiv irgendetwas macht. Hier der Kindergedanke: Wenn ich krank bin, esse ich Salat, weil der gesund ist. Zum Vergleich mein Gedanke: Wenn ich voll mies bin, nehme ich Ökotest-Sehrgut-Sachen, weil die voll herrlich sind. Natürlich relativiert sich dieses Dummdenken schnell, zum Beispiel, wenn ich die Ökopasta am Abend dann gleich auf die Zahnbürste klatsche, obwohl in der alten noch genug drin wäre. Ich scheure und putze in einer Art, dass sich Karies und Baktus in die Hose machen – aber nichts passiert. Das Zeug schmeckt wie Unkraut-Pesto. Danach zahne ich in den Spiegel und warte auf etwas – ein grüner Daumen hoch neben meinem Kopf oder eine gefunkte Grußbotschaft von meinen Nieren, die kein Gift mehr zu entsorgen haben. Es kommt aber nichts. Es ist alles wie immer. Und die Thunfische hauen den Delphinen eine rein.

Text: max-scharnigg - Illustration: Katharina Bitzl

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