"Das ist wie Fahrradfahren, das verlernt man nicht"

100 Sätze reichen für ein ganzes Leben. Jede Woche stellt unser Autor einen vor.
max-scharnigg

Bevor wir uns diesem heutigen Hauptsatz zuwenden, muss ich mich noch über etwas anderes maßlos aufregen. Das Maßlosaufregen verlernt man nämlich auch nicht. Menschen, die keinen Schwips, sondern vielleicht ein Kind bekommen oder ihren Führerschein wieder kriegen wollen, fragen fortwährend: "Hast du auch was Anti-Alkoholisches da?" Sie sollen aber aufhören damit. Ein anti-alkoholisches Getränk sind zwei Alka-Seltzer in lauwarmem Wasser. Das bekämpft den Alkohol. Eine Saftschorle oder eine Limo ist aber nur unalkoholisch, nichtalkoholisch oder alkoholfrei. "Dorle, das ist die mit der Schorle, ist jetzt voll die Anti-Alkoholikerin", sagen die Menschen und zeigen auf Dorle. Das soll dann aber immer nur heißen, dass Dorle passiv keinen Alkohol zu sich nimmt und nicht, dass sie aktiv durchs Land reist und missionarisch auf Säufer einwirkt und den Alkohol bekämpft , wie es die schwarzgekleideten Menschen mit Kutsche in der einen "Michel aus Lönneberga"-Folge tun (Übrigens eine blöde Episode - noch blöder ist nur die Folge mit der Alfredschen Blutvergiftung).

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Illustration: Julia Schubert

So, jetzt aber rauf auf den Gel-Sattel und gekonnt rumrutschen. Fahrradfahren ist schließlich wie Fahrradfahren, das verlernt man nicht. Außerdem nicht zu verlernen sind laut Volksmund: Schwimmen, Skifahren, auf Hotelbetten hopsen, Sex machen, mit Schaltung Auto fahren, Mario-Kart spielen, Singen, Schlepplifte benutzen, Katzen lieben, heulen wie am Spieß und Salami aufschneiden. Viel interessanter als diese ewigen Talente sind aber eigentlich die Sachen, die man sofort wieder verlernt. Ich kann mir zum Beispiel unmöglich merken, wie man die EC-Karte richtig in die Lesegeräte bei Tankstellen oder Kaufhauskassen schiebt. Egal, wie sehr ich mich dabei konzentriere, ich lande höchstens mal einen Zufallstreffer. In den restlichen Fällen muss die großmütterliche Kassiererin meine Hand nehmen, mit mir gemeinsam die Karte wieder rausziehen und es richtig machen. ,Ist doch ganz einfach: Chip unten, Magnetstreifen rechts oben, zeigt ja auch die kleine Grafik hier.‘ Die Grafik auf den Lesegeräten zeigt aber immer nur eine transparente Karte mit einem angedeuteten Magnetstreifen. Ich weiß nie, ob das die Draufsicht oder die Unterseite der Karte darstellen soll. Und ich verlerne sofort nach dem Bezahlen, wie es richtig war. In schwachen Wochen ist mir das so unangenehm, dass ich total Anti-EC und Anti-Kassiererinnen werde und lieber große Mengen Bargeld mit mir rumtrage. Barzahlen ist nämlich wie Verlernen, da fahrradfährt man auch nicht.

Text: max-scharnigg - Illustration: Katharina Bitzl

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