"Das kann man ja auch noch kalt essen."

Manche Sätze hört man einfach häufiger als andere. Regelmäßig stellen wir einen davon vor. Heute: "Das kann man ja auch noch kalt essen."
max-scharnigg

Das ist ein klassischer Anti-Bedenkenträger-Satz, genau wie: „Das kann man ja auch mal zur Jeans anziehen“. Ihm voraus geht meistens eine Diskussion am Herd, in der einer von zwei unter den Verdacht geraten ist, in seinen Töpfen nicht haushaltsübliche Mengen zu schmoren. Oder man sitzt bereits vor den gletscherzungenartigen Ausläufern einer Fenchel-Lasagne und möchte die Stimmung etwas auflockern. Dabei ist das natürlich überflüssige Feststellerei. Wer je eine Amateur-Studentenküche betrieben hat, weiß, dass man alles, was mal warm war, auch kalt essen kann, sogar gestocktes Käsefondue. Es kommt nur auf den Hunger-Verzweiflungsgrad an. `

Default Bild

Illustration: Julia Schubert



Da das geklärt ist, möchte ich diesen Hauptsatz noch für eine küchenamtliche Forderung nutzen. Ich finde, dass tendenziell alles zu heiß ist, was privat so serviert wird. Damit meine ich nicht kleine Lammkoteletts oder Jakobsmuscheln, derlei kühlt ja schneller aus, als man sich gegenseitig „Stößchen!“ wünschen kann. Nein, all die Bolognesen und Pizzas, die Brokkoli-Aufläufe und Käsespatzen, die man sich so als Liebesbeweis um die Ohren haut, sind stets infernalisch heiß. Das schmälert nicht nur das Ambiente, weil alle am Tisch schmerzbrüllend den ersten Biss verkosten und sich mit den Händen Wind in die Visage wedeln. Es schmälert auch den Geschmack, weil eben zu den Knospen und Synapsen nichts durchkommt als Käselava und sengende Salami. Wo steht, dass alles so heiß wie möglich sein muss? Ich bin für die neue Lau-Küche! Denn gut lauwarm, das kann ich nach dreißig Jahren Esserei sagen, schmeckt alles besser. Die Mundhöhle kann sich den Feinheiten des importierten Stückgutes widmen und muss nicht möglichst schnell evakuiert werden. Das aus den Comics bekannte Wörtchen „Mjam!“ ist für mich lautmalerisches Abbild eines lauwarmen Essens. „Mjam!“ sticht „Ahhhh!“. Man muss nur, wenn die Lasagne aus dem Ofen kommt, noch zehn Minuten irgendwas schrubben oder den Nachbarn eine Schmähschrift an die Tür nageln, danach ist die Temperatur richtig. Und was lau gut ist, lässt sich auch kalt essen.

Der Satz wurde jetzt.de-User herrminator eingereicht - Danke!

  • teilen
  • schließen