"Das kannst du auch mal zur Jeans anziehen"

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Mit 28 muss man sich eingestehen, dass das eigene Leben schon recht verwirkt ist. Wo jetzt noch kein Pokal im Schrank steht, kommt keiner mehr hin. Klar, man kann noch Medienmogul oder Schurkenstaat werden, aber das liest sich besser, als es in Wahrheit ist.

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Illustration: Julia Schubert

Noch mehr bedauere ich, dass ich nicht der Supertyp geworden bin, der mir für mich vorschwebte. Der hätte sich dadurch ausgezeichnet, dass er in jeder Situation etwas äußern kann, das sich aus Originalität und Klugheit zusammensetzt. Ich wäre gerne das Evolutionsbindeglied zwischen Tony Curtis und Alexander Kluge geworden. Stattdessen wurde ich Ich - und damit eher das Evolutionsbindeglied zwischen einem Sofakissen und Prinzregent Luitpold. In dieser Rolle begleite ich meine feste Freundin durch die Stadt, die vor unsere Haustür gebaut wurde. Dabei denken wir manchmal, es wäre nett, sich in Geschäfte zu begleiten, in denen nur einer auf seine Kosten kommt. Untätig zwischen Hemdchen und Blusen aber, nähert sich mein Geisteszustand schnell einer organschädlichen Erschöpfung. Die gleiche Erschöpfung umfängt mich bei Pferdenummern im Zirkus und beim Treppensteigen in Museen. Ich sacke also in einen Sessel vor der Umkleide und erwarte die Re-Edition meiner Freundin im neuen Gewande. Sie kann sich sehr schnell umziehen. Tritt sie heraus, hat sie selber schon entschieden - ich soll aber trotzdem Meinung haben. Habe ich nicht. Nicht, weil ich Mode unwichtig finde, sondern weil mir Vokabeln fehlen. Ich konzentriere mich, aber außer: "Ja, ist okay, ist schön, ist grün." kommt nichts. Ich will aber so gern ein besserer Freund sein als alle anderen und wertige Argumente finden! Zack, läuft der Hauptsatz vom Stimmband. Unsinn natürlich, als ob sie je: "Was kann ich bloß zur Jeans anziehen?"gefragt hätte. Der Satz scheint aber auch geeignet, die Situation zu einem schnellen Ende zu führen. Er macht den Pullover über Zweifel erhaben, die gar niemand angemeldet hat. Doch halt, Freundin zieht Schnute. Ja, warum denn? Sie will mal was Feines, sagt sie. Zur Jeans hat sie echt schon genug.

Text: max-scharnigg - Illustration: Katharina Bitzl

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