Die Hauptsatzkolumne. Heute: "Jetzt bist du gleich weg!"

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Würde es das Mobiltelefon nicht geben, die Tunnels hätten es erfinden müssen. Denn dank ihm erfährt das altmodische Erlebnis "Tunnel" eine Renaissance. Hatte man sein Herannahen früher je registriert, geschweige denn in einem trauten Gespräch erwähnt? Nie! Tunnel, das war wie draußen, nur ein bisschen dunkler und doofer. Aber seitdem man sich das traute Gespräch im Zug ans Ohr hält, stellen Tunnelpassagen wieder ein erwähnenswertes Event dar, sie sind wieder wer. Und zwar nicht nur Gegner der Netzverbindung, sondern auch inhaltliche Höhepunkte vieler Telefongespräche, die sonst gemächlich ins Unendliche mäandert wären.

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Illustration: Julia Schubert

Die gellende Warnung "Jetzt bist du gleich weg!", die den Gesprächspartner vielleicht im Korbsessel sitzend erreicht, hat dabei einen unangenehm endzeitlichen Beigeschmack. Als wäre es Menschensitte, nach Ablauf einer gewissen Zeit im Äther zu verschwinden, ganz wie die Telefonjoker bei Günther Jauch. Oder wie der Pumuckl! Aber hat man den Meister Eder je "Pumuckl, jetzt bist' gleich weg!" granteln hören? Nein, weil es nämlich unhöflich ist, jemand anderem das Verschwinden anzukündigen. Es sollte zu jedermanns gutem Telefonbenimm gehören zu sagen: "Jetzt bin ich gleich weg." Denn der andere ist ja noch da, zwangsverstummt im Korbsessel, und fühlt sich insgesamt recht allein, den Hörer hält er aufgeschnitten wie eine leere Safttüte in der Hand und der Schock über das abrupt beendete Gespräch steht ihm ins Gesicht geschrieben - als so genannter Tunnelblick. Deswegen ist es richtig, die Unterbrechung einer Telefonverbindung rechtzeitig anzukündigen. Man sollte allerdings den Tunnel kennen und sich des Verlusts der Verbindung darin sicher sein. Wer voreilig den Hauptsatz brüllt, gar hastige Schlussworte formuliert, einen schroffen Abschied nimmt und dann feststellen muss, dass die Verbindung fortbesteht, sieht sich vor den Scherben seines Gesprächs. "Äh, bist du doch noch da? Ich dachte, du bist weg. Ja, also, äh . . . !" Da geht nicht mehr viel, schließlich war man geistig schon verschwunden. Als im Korbsessel Sitzender, hat man vergleichsweise wenig zu beachten. Ausnahme ist der seltene Fall, in dem man von einem angerufen wird, dessen Sportflugzeug das Kerosin ausgegangen ist und der ein letztes trautes Gespräch führen möchte. In dieser Situation steht es einem auch im Korbsessel zu, nach einer Weile das "Jetzt bist du gleich weg!" zu gebrauchen.

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