"Die Würstchen sind dann schon mal fertig!"

100 Sätze reichen für ein ganzes Leben. Jede Woche stellt unser Autor einen vor
max-scharnigg

Früher war es einfach. Papa stand in Schlappen am Grill und war ein Fels mit Mückenstichen. Wir Kinder tanzten um ihn herum und krähten: "EinFleischdreiWürstl, einFleischdreiWürstl!" Das war bei uns die festgelegte Grill-Ration pro Kindskopf, das war, was man bekam. Ich finde das bis heute einen sehr guten Einsatz des Wortes "Fleisch", so als universelle Maßeinheit. Eigentlich funktioniert doch jedes Gefühl nach diesem Kindermuster: Ich habe einen Hunger, ich will ein Fleisch. Ich habe Schmerzen, ich will ein Fleisch. Etc.

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Illustration: Julia Schubert

Heute gibt es natürlich keinen Papa mehr am Grill und auch nicht mehr "ein Fleisch", sondern ein mariniertes Nackensteak vom Biodiscounter. Es liegt auf einem tiefen Teller und macht da "durchziehen" und wenn Damen anwesend sind, muss man noch einen anderen Teller umgedreht drauflegen, dann ist es so 'ne richtige Fleischgrotte. Während das Nackengrat oder Halssteak also durchzieht, kaue ich auf einem halben Baguette herum und baue mit Kartoffelsalat auf dem Pappteller die Alpen nach. Dann esse ich sie auf. Dann esse ich auch noch Krautsalat, Brotsalat und Ketchup mit Semmel und einen von diesen Muffins, die immer alle backen und bei denen man nach der Hälfte denkt: "Verpiss dich, Backpulver!" Ich esse das alles nur, weil mich ein schrecklicher Amok-Hunger plagt, ein Hunger, wie er so wild nur beim Grillen auftritt. Mein Magen will, das glaube ich mit Gewissheit sagen zu können, wenn er vor einen Teller gesetzt wird, sofort losessen. Er will nicht zu dem Menschen schielen, der in den Kohlen rumstochert und verkündet: "Das dauert noch was, bis die Glut richtig ist." Der Grillmagen will viel lieber endlich den Würstchensatz hören. Bis der Satz aber kommt, bis die Glut richtig ist, bis alle verdammten Damen, Kinder und Hunde ihre "EinFleischdreiWürstl" im Rachen haben, sind sämtliche verfügbaren Salate und Semmeln in mir drin. Das ist immer so. Der wilde Hunger ist dann weg, aber froh bin ich nicht und das Baguette scheuert im Bauch. Ich esse die Würstchen zwar noch. Aber eben nur noch mit halber Power.

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