„Du, wir müssen ja auch nicht so lange bleiben.“

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  Auf die Gefahr hin, dass ich jetzt gleich in den Ältestenrat des Bundestages durchgewunken werde, gebe ich zu: Die Aussicht, eine Nacht durchmachen zu müssen, bereitet mir heute mehr Kopfschmerzen, als es die eigentliche Nacht selber schaffen würde. Dabei baute ich mir noch als Zehnjähriger komplizierte Apparaturen an mein Bett, die mich am Einschlafen hindern sollten – in gespannter Erwartung der Dinge, die sich dann ereignen würden. Als Zwanzigjähriger brauchte ich keine Apparaturen, die Nächte waren einfach kürzer und kaum klimperten ein paar Kronkorken in meiner Hosentasche, waren sich auch schon vorbei, ohne dass jemand Aufhebens darum gemacht hätte.
  Jetzt aber, wenn auch nur ein Mitternachtskonzert oder Open-End-Fest angekündigt werden, setzt bei mir sofort Instant-Migräne ein und dann benütze ich den Hauptsatz und bemühe mich, dabei nicht allzu verzweifelt zu klingen. Ich sage ihn an meine feierwütige Freundin hin, in der Hoffnung darauf, dass sie mich im Gegenzug mit einer Standard-Bestätigung betupft, zum Beispiel: „Genau, wir schauen einfach mal und wenn’s uns nicht gefällt, dann gehen wir wieder.“ Ein Satz so beruhigend wie ein feuchtes Aloe-Vera-Reinigungstuch am Genfer See. Ich liebe sie jedenfalls sehr, wenn sie das sagt. Wenn sie eines Tages sagen würde: „Spinnst du? Wir bleiben natürlich mindestens bis es hell wird und sausen dann noch mal weiter in die ’Sicherheitsverwahrung’, was ein neuer After-Morgen-Club in einem anderen Viertel der Stadt ist!“, dann müsste ich leider schleunigst wieder mein Herz aus unserem gemeinsamen Aquarium herausangeln. (Das macht man übrigens mit diesen Kinder-Angeln mit Magneten unten dran). 

  Was ich meine: Ich packe einfach die blanke Vorstellung nicht mehr, um 22 Uhr loszugehen und zu wissen: Jetzt musst du noch acht Stunden irgendwo herumstehen. Man kann mir das nicht mehr zumuten, so  wie man mir als altem Mann nicht einen ganzen Kindergeburtstag zumuten können wird, sondern mich nur noch kurz am Ende hinzuzieht. Ich habe auch vergessen, was die Idee hinter den Marathon-Festen war. Kann man das nicht auch mal Nachmittags machen? Erst wenn ich mir mit dem Hauptsatz vorgegaukelt habe, dass ich ja nur mal schnell vorbeischaue, dass ich ja ausnahmsweise mal nicht so lange bleiben muss, ja vielleicht sogar nichts trinken und diesmal nur über wohlklingende Themen wie Kaisergranat und Buchsbaumgedrexeltes parlieren werde, dann erst stecke ich mir die Blume ins Knopfloch und gehe los. Zwei Stunden später sind Hauptsatz und Vorhaben natürlich da, wo sie hingehören: Im Waisenhaus der guten Vorsätze.

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