„Gut, dass wir reserviert haben.“

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Manche Sätze hört man öfter als andere. Regelmäßig stellt unser Autor einen vor.
 
  Dieser Satz ist das Gegenteil von Punk. Es ist ein Satz für Überversicherte und Menschen, die in diesem komischen überdachten Motorroller herumfahren. Noch dazu ist er ziemlich hämisch. Trotzdem benutze ich ihn sehr gerne, denn ich bin ein Reservierungsfreak. Das war ich nicht immer, erst diese Stadt hat mich dazu gemacht. München ist so klein und gleichzeitig so angefüllt mit kreglen Menschen, dass man nahezu immer vorwarnen muss, wenn man zukünftig irgendwo anwesend sein möchte. Man reserviert hier Jahre im Voraus Zeltplätze, Parkplätze, Teilnahmen an Wohnungsbesichtigungen und es gibt sogar eine populäre Gebärklinik, die schon über die nächste neun Monate hinaus ausreserviert ist. Wie das funktioniert, muss mir gelegentlich mal eine Frau erklären. 

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert


  Vergisst man das Reservieren, hat man hier nach einem Abend in überfüllten Gemächern und Abteilen sehr leicht das Gefühl, man wäre exakt der eine Typ, der zu viel in der Stadt ist. Derjenige, der die Bar zum Überlaufen bringt, der einzige, der keinen Fensterplatz und keine Suppe mehr bekommt, der Mensch wegen dem der Aufzug abstürzt oder für den das Sonderangebot nicht mehr gilt. Das millionste Rad am Wagen. Kein schönes Gefühl. Alles ist hier immer voll, alle anderen machen immer genau das Gleiche wie man selber, sogar wenn sie nix machen, dann findet man nämlich zum Beispiel keine freie Bank im Park. 

  Die Erkenntnis, immer nur Teil der Münchner-Massenbewegung zu sein, schmerzt mich als Vorzeige-Individualisten besonders. Dazu kommt, dass ich sehr schlecht darin bin, einmal betretene Gasträume, Zugabteile oder Finnische Saunen mangels Platz wieder zu verlassen, ohne dabei sichtbar an Schneid zu verlieren. Die Phase des Reckens und Guckens danach, ob nicht doch noch hinten im Eck was frei wäre, zermürbt mich. Genau wie das darauf folgende tapfer-verlorene Herumstehen zwischen Menschen, die sich gegenseitig den Hauptsatz in die zufriedenen Ohren sagen, während man selber ein Stoßgebet abschickt, mit etwa dem Inhalt, dass sich bitte eine neue Ebene auftun oder es wenigstens hinten noch weiter gehen möge. Schließlich kommt der demütigende Rückzug, bei dem man sich den Anschein geben muss, man wüsste durchaus noch viele tolle Plätze für seinen überschüssigen Body. Die gibt es meist nicht in München, alle netten Orte sind hier immer nur genau einmal vorhanden. Deswegen lande ich an spontan geplanten Abenden sehr oft schon zur Babyzeit wieder daheim und denke: Zuhause ist da, wo man nicht reservieren muss.


Text: max-scharnigg - Foto: boing / photocase.com

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