„H&M-Jeans passen mir einfach nicht!“

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Diesen Satz habe ich selber noch nie verwendet, aber ich kenne ihn trotzdem ganz gut. Allerlei Mädchen sprachen ihn im Lauf der Zeit an mich hin. Ich empfange ihn stets, wie ein Dorfpfarrer einen kleinen, traurigen Punker empfängt: Mitfühlend, aber auch ein bisschen ratlos. Was soll ich damit? Da hat also ein unbescholtener, weiblicher Hintern sein Waterloo erlebt. In einer dieser Umkleidekabinen, deren Wände nicht mehr aus Wandmaterial bestehen, sondern nur noch aus den Fels gewordenen Ausdünstungen von Mädchencliquen: Girl-Guano! Soweit, so mäßig mitteilenswert. Mir passiert das auch.

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Illustration: Julia Schubert

Aber das Gute beim Hosenkauf ist doch, dass man dabei in aller Regel das einsatzbereite Altexemplar mit sich führt. Da hinein schlüpfe ich nach dem Rückschlag, wie in einen noch wohlig-körperwarmen Kokon und fliehe schnell vor den Neurosen der blöden Neuhosen. Alle Hosenkäufer machen das und keiner macht so einen Hauptsatz draus, nur Mädchen, die gegen H&M-Jeans unterliegen. Warum? Sie haben Angst, komplett verwachsen zu sein, weil ihnen eines der wichtigsten Kleidungsstücke eines der wichtigsten Hersteller von Massen-Klamotten nicht passt! Sie fragen wiederholt stumm ihr Spiegelbild ab, mustern Knöchel, Schenkel, Waden, die doch aber, unter uns gesagt, ganz manierlich aussehen. Sie stellen sich auf die Zehenspitzen und gucken, ob sie Grübchen haben, aber das ändert auch nichts. Sie probieren noch drei andere Modelle in anderen Größen und immer noch sitzt die Krampe quer, die Hosenbeine wellen sich, die Oberschenkel dellen sich und von hinten, ach…! Groß ist das Mädchen-Ungemach und dann, dann drehen sie den Spieß um. Sie denken: „H&M Jeans passen mir einfach nicht und zwar weil ich einzigartig bin!", rauschen mit diesem Triumph aus der Umkleide, kaufen sich im Weiterrauschen drei Blümchentops, die passen nämlich und abends treffen sie mich auf einer kleinen Hinterhoffeier und sagen, stolz und lustig und in alter Jeans ihren Hauptsatz. Er ist jetzt ihre liebenswerte Eigenheit geworden. Und wehe, einer würde dann sagen: „Die Jeans passen dir nur nicht, weil du ein komisches Kugelkopfknie hast.“ Das sagt aber keiner. Im Gegenteil – von allen Seiten machen Mädchen jetzt stolze und lustige Gesichter und verkünden durcheinander: „Und mir passen Benetton-Pullover nicht! Und mir passt Esprit-Swimwear nicht!“ Und weil keine von der Stange sein möchte, gellt es so noch eine ganze Weile lang, niedlich durch die Nacht.

Text: max-scharnigg - Illustration: Katharina Bitzl

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