"Hast du auch genug getrunken?"

Manche Sätze hört man häufiger als andre. Jede Woche stellt unser Autor einen vor.
max-scharnigg
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Illustration: Julia Schubert



   Diese Frage ist der Bestseller unter den sorgenvollen Nachfragen von Müttern oder mütterlich veranlagten Mitbewohnern. Wassermangel hat mittlerweile Schlafmangel und Vitaminmangel als Universalgrund für Unpässlichkeiten abgelöst. Kopfweh, Übelkeit, Schwindel, Haarspliss oder matschiger Miniskus – egal worüber jemand am Telefon klagt, immer wird er umgehend von meiner Mutter danach gefragt, ob er vorher überhaupt auch genug getrunken hätte?

  Mich erwischt diese Frage stets kalt, meine Wasserration ist meist das Letzte, woran ich denke, wenn ich jammern möchte. Deswegen brauche ich für gewöhnlich ein paar Sekunden, bis ich stotternd den diesbezüglichen Bericht liefern kann. Dieses kleine Zögern reicht meiner Mutter aber meist schon als Bestätigung ihrer Vermutung – dass ich nämlich wieder nicht genug getrunken habe, wie ich ja schon seit der Pubertät immer nicht genug trinke. Davor freilich auch nicht, aber das war noch die Zeit, in der das Wassertrinken keine besonders große Gesundheitslobby hatte und stattdessen darauf geachtet wurde, dass ich Magnesiumpräparate bekam und in die Rubrik „Das mag ich nicht“ in Poesiealben das Wort „Calciummangel“ kritzelte.

  Seit aber allgemein bekannt ist, dass man mindestens zwei Liter pro Tag trinken soll, und zwar am besten verteilt in zwanzig gleichgroße Einheiten und auch nicht zu kalt und natürlich auch ohne Kohlensäure, seit diesem Erlass also trinke ich meiner Mutter zu wenig. Meistens stimmt das auch. Das Schnapsglas Leitungswasser, das ich in der Kaffeebar zum Espresso bekommen habe, zählt vermutlich nicht mal als Flüssigkeitsaufnahme. Weil es schon auf dem Weg bis Eingang Speiseröhre irgendwo versickert ist. Es ist aber auch egal, wie viele Liter ich tatsächlich getrunken habe, aus Erfahrung weiß ich, dass es meiner Mutter nie genug Wasser in mir drin sein kann. Die will keinen Sohn, die will einen Staudamm!
Selbst wenn ich zufällig mal wirklich „drei Überkinger“ (das wird bei uns familienintern immer noch als Synonymeinheit für „Wasser“ benutzt, auch wenn kein Mensch mehr Überkinger trinkt) getrunken habe, retourniert sie das mit: „Hm, bei dem Wetter zurzeit brauchst du wahrscheinlich einfach noch mehr.“  Wenn wir eine Amphibienfamilie wären, würde ich diese unablässige Sorge ja verstehen. Aber wird sind Menschen. Die funktionieren auch mit drei Tassen Kaffee verteilt auf eine große Einheit bis zu neun Stunden ohne Leistungseinschränkungen – sieht man mal von einem leichten Magnesiummangel ab.

Text: max-scharnigg - Illustration: Katharina Bitzl

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