"Hast du meine E-Mail bekommen?"

Manche Sätze hört man öfter als andere. Regelmäßig stellt unser Autor einen vor. Heute geht es um digitale Post
max-scharnigg

Wir sind eine Brückengeneration. Wir sind in der analogen Welt geboren worden und werden in der digitalen Welt sterben. Ja, wir haben noch Autofensterscheiben erlebt, die man herunter kurbeln musste. Darauf ist es wohl zu schieben, dass uns die Frage nach der Ankunft unserer E-Mail noch wie von selbst von den Lippen geht. Ich nehme an, solche Zweifel sind bei allen Angehörigen von Brückengenerationen zu finden. Früher fragten sie wahrscheinlich auch ständig, ob die Flugmaschine überhaupt angekommen ist oder ob der andere Stamm wohl die Rauchzeichen gesehen hat. Man traut halt dem ganzen Zauber noch nicht ganz.

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Illustration: Julia Schubert




 So schicken wir uns also von Redaktionszimmer A nach Redaktionszimmer C eine E-Mail, randvoll mit intimen Fragen. Und dann spazieren wir nach zehn Minuten höchstselbst und ganz unverpixelt hintendrein und fragen: „Hast du meine E-Mail bekommen?“ Natürlich wissen wir eigentlich, dass 99 Prozent aller E-Mails ankommen. Natürlich interessieren wir uns nicht wirklich dafür, ob irgendwas „aus Versehen in den Spam-Ordner sortiert wurde.“ Es ist nur so eine klitzekleine Restunruhe, die uns nachfragen lässt. Wir wollen nur einfach wissen, warum wir noch keine Antwort bekommen haben. Und wenn der Adressat fußläufig zu erreichen ist, warum nicht mal persönlich vorbeigehen und nachfragen. Es wäre bestimmt hübsch, den Verband der Gesamtwirtschaft ausrechnen zu lassen, wie viel Arbeitszeit dabei verloren geht, wenn man seinen eigenen E-Mails hinterher rennt. Andererseits spart diese Technik auch wieder Zeit, schließlich steht man dann schon mal beim Empfänger und kann auch gleich noch berichten, was drin steht in der E-Mail. Er hat sie nämlich meistens einfach nur noch nicht gelesen. Er muss sie auch weiterhin nicht lesen, weil das Wichtigste daraus jetzt gleich direkt besprochen werden kann.

Das führt zu absurden Redaktions-Reaktionen. Ich bekomme beispielsweise eine E-Mail von Kollege X und öffne sie gar nicht erst, weil ich weiß, dass er es sich nicht nehmen lassen wird, binnen Stundenfrist aufzuscheinen und sich nach ihrem Verbleib zu erkundigen. Bei dieser Gelegenheit wird er mir eine treffliche Zusammenfassung liefern und ich kann sofort mit „Ja!“ oder „Nein!“ oder eben „Himmel, frag mich doch nicht!“ antworten, denn darauf läuft es doch meistens hinaus. Dann muss ich keine Anrede tippen und mir keine ulkige Schlussformel überlegen, wie sie unter Jungkreativen üblich ist. Wie, der persönliche E-Mail-Nachsorge-Besuch wäre totaler Quatsch und eine völlig Missachtung des ganzen Prinzips? Wir können doch nix dafür, ist ein Brückengenerationsschaden! Außerdem habe ich dabei immerhin ein E-Mail-Formular gespart. Ist also auch gut für die Umwelt. 

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