Hauptsatz: "Da wäre Fliegen ja fast schlauer"

100 Sätze reichen für ein ganzes Leben. Jede Woche stellt unser Autor einen davon vor.
max-scharnigg
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Illustration: Julia Schubert

Dieser Satz fasst ein Ego-Dilemma zusammen, durch das ich mich so unbekümmert bewege, als wäre es ein Schmetterlingshaus. Ist er nicht schön vorsichtig aufgebaut, mit einem Konjunktiv und einem Zagwort auf ganzen vier Zentimetern? Er tut, als wäre nichts entschieden, als wäre er meine wirkliche, lautgewordene Überlegung. Tatsächlich ist aber zum Zeitpunkt seines Einsatzes meistens schon alles klar, die banalen Details meiner Beförderung irgendwohin stehen fest. Ich fahre mit dem Auto nach Bern, mit dem Zug nach Wien oder mit der Zipferlbahn ins Wunderland. Danke, keine weiteren Fragen. Trotzdem sage ich diesen Satz und das Tolle ist: Keiner, an dessen Ohrgestade er brandet, lässt ihn einfach liegen. Stattdessen löst der Satz vom Fliegen stets ein geselliges Abwägen aus, in dessen Verlauf gleich noch mehr seltsamer Sätze gesprochen werden. Zum Beispiel: „Na, du musst aber am Münchner Flughafen auch ’ne Stunde vorher da sein und bis du dann in Köln wieder in der City bist…und wenn du dann noch Verspätung hast. . . musst du auch einrechnen.“ Nach dieser Art gibt jeder seinen preiswerten Senf dazu und am Ende ist allen langweilig. Der Satz hat ein bisschen Luft umgewälzt und den Tag etwas älter gemacht. Trotzdem ist er wichtig, denn er bedeutet viel mehr. Er sagt: Ich könnte fliegen. Weil ich es kann. Ein 14-Jähriger wird diesen Satz nicht kennen, es sei denn, er ist ein Sohn von Uwe Ochsenknecht. Auch wenn ihn ein szeneüblicher 18-Jähriger spricht, wirkt er noch sehr dünkelhaft. Wenn ich ihn aber, vielleicht in unkommoder Runde auf dem Klassentreffen oder im Gespräch mit angehenden Ex-Bekannten anbringe, dann ist das ein Reflex wie Baum anpissen. Es markiert Ausgewachsenheit, den Vollbesitz meiner Kräfte. Es ist dummes, einfältiges Geschwätz und der Versuch, sich von den anderen Männchen vielleicht für eine Sekunde lang in Sachen Weltläufigkeit abzugrenzen. Bis sie sich gefangen haben und mitschwänzeln – mit ihren detaillierten Erfahrungen von Flughäfen, mit immer genauerer Kenntnis der Flugpläne und intimen Einblicken ins Gemüt der Fluglinien. Siegermännchen am Ende so einer Rund wird dann vielleicht derjenige, der ein gespielt-gequältes „Bei der Lufthansa überbuchen sie ja leider immer!“ unterbringt. Da bleibt den anderen nur noch vages Nicken und schließlich Trollen in andere Reviere. Ja, so vergeht die Zeit als Mann.

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