Hauptsatz: „Du wärst sicher ein guter Vater“

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Ich bin wie Straubing, ich habe fruchtbares Umland. Meine Freunde gebären fortlaufend Kinderlein, die mir sechs Wochen nach der Veröffentlichung zum Begutachten vorgelegt werden. Bei diesen Terminen bin ich immer verkrampft, was gar nicht zum absurd fröhlichen Anlass passt. Aber ich weiß nun mal, dass dabei und fortan immer eine Interaktion mit dem Kind erwünscht ist. Das kommt mir nicht entgegen, da ich schon mit fremden Erwachsenen selten interessante Gesprächsthemen finde. Bei fremden Säuglingen ist gleich nach „Hallo, wie geht’s?“ Schluss. In der einsetzenden Stille sehen der Debütmensch und ich uns peinlich berührt an und wenden uns schließlich schreiend an die Eltern.

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Illustration: Julia Schubert

Mal ehrlich, was soll das infantile Gewese von Personen, die bei der Zeugung nicht dabei waren? Sobald das Kind alt genug ist, mich zur Brettljausn zu begleiten, freue ich mich seiner Gesellschaft. Davor möge man ihm mich bitte nur sehr dosiert zumuten. Wie die geschilderte Szene beweist, bin ich also kein guter Vater, sondern ein verklemmter Büchermensch, der da, wo andere ein Herz für Kinder haben, ein zweites Papierfach hat. Trotzdem höre ich in schöner Regel den Hauptsatz. Zwar nicht bei den beschriebenen Kindsbesichtigungen, aber wenn ich beim Betriebsausflug darauf hinweise, dass wir den Zug nur deswegen verpassen, weil wir am falschen Gleis stehen. Oder, wenn ich am Mittagstisch erkläre, warum jeder Aal in die Sargassosee schwimmen möchte, was ich zufällig weiß. Nur weil ich dabei Serviette (als Meer) und Messer (als Aal) zur Unterstützung heranziehe, hauchen zwei von vier Damen: „Der Max wäre sicher mal ein guter Vater.“ Das mag nett gemeint sein, in meinen Ohren klingt es nach Streichung aus dem Verzeichnis potentieller Männer. Nicht, dass ich dort je größere Absätze beansprucht hätte, aber ich gelte ungern schon vor Erwerb eines Lätzchens als neutrale Vatersperson. Man sagt doch auch nicht zu einem Menschen, der still im Eck sitzt: „Du wärst eine gute Leiche.“

Text: max-scharnigg - Illustration: Katharina Bitzl

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