Hauptsatz: "Ich vertrag' echt überhaupt nix mehr."

100 Sätze reichen für ein ganzes Leben. Jede Woche stellt unser Autor einen vor.
max-scharnigg
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Illustration: Julia Schubert

Ich erinnere mich: Einen Großteil meines Kindseins habe ich mit dem Nachdenken über seltsame Sachen verbracht. Wozu die kleinen roten Läuse auf der Gartenmauer gut sind. Ob ich mal eine so dicke Zahnweh-Backe kriege, dass ich sie mit einem Taschentuch an den Kopf binden muss, etc. Mit dem Hineinwachsen in zweistellige Altersstufen, wurde mein Nachdenken nicht weniger, nur haben universaler Anspruch und Witz deutlich eingebüßt. Während mir das alles einfällt, hocke ich im "Orang-Utan" und trinke Bier. Das Interessante beim Biertrinken in Jungsrunden ist ja, dass man es quasi doppelt im Mund hat. Trinkend und redend. Wenn man eine Suppe isst, erzählt man nicht noch zwei Stunden lang davon, wie es das letzte Mal war, als man Suppe gegessen hat und wie man es allgemein damit so hält. Schon gar nicht erzählt man, wie viel Suppe zum Beispiel der Michi verträgt, das interessiert nämlich niemanden. Mit Bier macht man das aber alles. Als Junge ist man es gewohnt, lange übers Trinken zu reden. Man schildert minutiös die eigene Trinkabfolge auf der letzten Party. Oder monologisiert über Getränkekombinationen. Wichtig ist jedenfalls, dass immer einer dabei sitzt, der den Hauptsatz sagt. An die Andeutung, nix mehr zu vertragen, setzt er mit großer Sicherheit noch die Schilderungen eines Katers, der sich über phänomenale Zeiträume hingezogen haben soll. Und das, obwohl ihm doch nur drei Weißwein und zwei Schnaps vorausgingen! Das klingt, als wäre der Kater eine Politesse, bei der man sich beschweren kann. Jedenfalls: Namenloses Entsetzen in der Jungsrunde. Dann picheln alle weiter, als wäre nichts gewesen, auch der Nixmehrvertrager. Das ist nämlich das Gute an dem Satz, er hat überhaupt keine Konsequenzen. Er ist nur so eine Art memento mori unter Schluckheimern. Eine Mahnung, dass der Brunnen vielleicht mal voll ist. Grauenhafte Vorstellung, denn: Worüber würde man dann erzählen? Was beschäftigt einen denn sonst so? Und genau an diesem Punkt sind mir die roten Läuse auf der Gartenmauer wieder eingefallen.

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