Hauptsatz-Kolumne. Heute: "Wenn man erst mal drin ist, dann geht's"

100 Sätze reichen für ein ganzes Leben. Jede Woche stellt unser Autor einen vor.
max-scharnigg

Hierbei handelt es sich um die EU-genormte Antwort auf die Frage: "Ist das Wasser kalt?", welche derzeit ununterbrochen an Landungsbrücken, Badestegen und sonstigen Uferbefestigungen gestellt wird. Unbedingter Bestandteil des Badens ist das Ins-Wasser-hineinkommen. Dieser Vorgang trennt die Geschlechter wie sonst fast gar nichts mehr in unserer gleichgeschlechtlichen Epoche. Die Schilfzonen der mir bekannten Seen sind jedenfalls ausschließlich von Damen aller Altersklassen bevölkert, die alle das Gleiche machen: Im Badeanzug und leicht nach vorne buckelnd im knöcheltiefen Wasser stehen und dabei die Luft geräuschvoll durch geschlossene Zahnreihen ziehen. Das Geräusch, das dabei entsteht ist eine Art Rückwärts-Zischen, welches mitteilen soll, dass die um die großen Zehen gischtende Gischt zu kalt ist. Aus diesem Grund wird nun der Stapellauf der Damen stark verzögert und sogar mehrmals komplett in Frage gestellt. In Tateinheit mit dem Zaudern, schöpfen sich die Uferwassernixen mit der hohlen Hand Uferwasser auf Arme, Beine und Brust, nur um gleichzeitig unter dieser Spritzkur fürchterlich zu leiden.

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Illustration: Julia Schubert

Als mitbadender Mann ist man zu diesem Zeitpunkt längst an jenem Moment des Hin-und-Her-Schwimmens angekommen, an dem man aus Langeweile ein paar Züge auf dem Rücken macht. Da hört man das eisige Heulen und Wehklagen besonders gut und nähert sich deshalb wassertretend dem Spektakel wieder an, um dann den immer gleichen Dialog zu absolvieren. "Du ich glaube, ich geh' nicht rein." "Wenn man erst mal drin ist, dann geht's." Es folgen Ausführungen über die angebliche und die von ihr gefühlte (also tatsächliche) Wassertemperatur, sowie ein männliches Plädoyer für schnelles Wassern. Denn schnell kopfüber rein, liebe frierenden Mädchen und Damen, ist wirklich viel weniger schlimm als dieses langsame Hineinschusseln, das ihr perfektioniert habt. Das gute Zureden und wonnige Herumtollen der Männer nützt aber gar nichts, es erreicht nur, dass Fräulein Gänsehaut ein paar Schritte zurückweicht, um nicht mit fremdem Spritzwasser in Kontakt zu kommen. So lässt man es also schließlich mit der komischen Oper am Ufer bewenden und krault wieder Richtung Seemitte. Nach zwei weiteren Minuten vernimmt man von hinten ein ganz außerordentliches Platschprusten und Kampfstrampeln, begleitet diesmal von einem Vorwärts-Auszischen der Luft. Noch ehe man den Kopf wenden kann, kommt Madame angeschwommen, als wäre es nichts. Im Vorübergleiten lässt sie vernehmen, dass es heute ja wirklich ziemlich warm wäre, dieses Wasser.

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