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Hauptsatz: "Soll ich die Schuhe ausziehen?"

100 Sätze reichen für ein ganzes Leben. Jede Woche stellt unser Autor einen vor.
max-scharnigg

Ein bisschen wie "Stör' ich gerade?" am Telefon hat sich diese Frage in die urbane Etikette eingeschlichen. Zu stellen ist sie an fremden Schwellen, die zu übertreten man meist mittels einer Einladung genötigt wurde. Deswegen auch stehen dabei zusätzlich zu einem selber zwei bis neun Gastgeber im Hemd sowie gastgebender Geste in der Tür und die Stimmung ist sehr gut & herzlich. Es darf auf jeden Fall als Trübung der Begrüßungsstimmung gelten, nun gleich auf das mitgebrachte Schuhwerk hinzuweisen und die leidige Schuhfrage zu stellen. Nicht zuletzt, weil die Gastgeber so zu Hausmeistern degradiert werden. Im Vorteil ist, wer die Hausherren so gut kennt, dass er entweder weiß, wie sie es mit den Schuhen halten oder wenigstens einschätzen kann, wie weltgewandt sie sind.

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Natürlich sind Schuhe grundsätzlich anzulassen. Schon allein der Damen wegen, die elf Stunden das passende Schuhwerk zur Restdame ausgesucht haben und dann ohne Schuhe niedrig oder mit Füßen in durchsichtigen Strumpfhosen-Kokons herumschlurfen müssten. Das Angebot, Hausschuhe der Gastgeber zu benutzen, ist nur bei allerbesten Freunden oder Verwandten überhaupt statthaft und auch dann, falls möglich, abzulehnen. Nicht nur, weil fremde Hausschuhe im Empfinden noch muffeliger sind als fremde Straßenschuhe, sondern vor allem weil für die Gäste oft Scherzhausschuhe reserviert sind. Wer je einen gesellschaftlichen Abend mit Tigerkrallen an den Füßen verbracht hat, kann den aber Punkt "Fegefeuer" getrost abhaken. Weil in dieser modernen Zeit kaum einer mehr zu harten Regeln fähig ist, wird es einem als Gast oft freigestellt, die Schuhe anzulassen. In diesem Fall sollte man einen Blick in die Runde der Versammelten wagen und dabei etwas Unverfängliches wie "Hallo!" oder "Huhu, ich alter Volldepp bin auch da!" sagen. Strecken alle anderen ihre Plüschsocken in Pastellfarben über den Couchtisch, sollte man deutlich in sich horchen, ob man es hier als Einziger in Schuhen wirklich durchsteht. Oder direkt wieder geht. Irgendeine Sabrina gibt es immer, die zu fortgerückter Stunde grölen wird: "Ey, schau mal, er hier hat als Einziger Schuhe!" Als Gast erweist man der fremden Wohnung Respekt, indem man sich im Treppenhaus vergewissert, ob man nicht unterwegs ein kleines Tier zertrampelt hat oder mit dessen Hinterlassenschaften in Kontakt getreten ist. Als Gastgeber plagen einen komischere Sorgen. Natürlich dürfen die Gäste die Schuhe anlassen, aber wie läuft man selber auf? Schließlich ist man ja doch in den Privatgemächern eher sockig unterwegs. Will man aber durch die eigene Party als einziger derart fußärmelig wandeln? Nein! Also vor dem ersten Gast rein in die schweren Stiefel und gleich einmal quer damit übers Doppelbett. Macht bessere Laune als jeder Aperitif.