Hauptsatz: "Sowas kauft man sich ja selber nie."

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Drei Situationen gibt es, die ich gerne aus dem Katalog für Situationen streichen möchte. Die erste ist das Hindurchgehen zwischen Zwei, die sich unterhalten. Das passiert mir ständig in Fluren und Treppenhäusern, in denen Menschen beim Plaudern stehengeblieben sind, während ich hinauf oder hindurch muss. Ich muss über die verwobenen Sätze eines Gesprächs tappen. Danach habe ich überall fremde verbale Spinnenfäden an mir hängen - pfui, eklig!

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Illustration: Julia Schubert

Die zweite unangenehme Situation entsteht, weil meine Gürtel an der Hose immer genau einen Zentimeter vor der nächsten Gürtelschlaufe enden. Somit kann ich das Gürtelende nicht am Hosenbund fixieren und es schwingt lang, obszön und bolzengerade vor meiner Leibesmitte. Das fällt mir oft erst auf, wenn sich auf der Straße die Damen ängstlich abwenden, weil ich wie Zorro mit schwingendem Lederpenis durchs Dorf renne. Die dritte Situation ist diejenige, für die der Hauptsatz erfunden wurde. Es ist die weltweite Sprachlosigkeit nach dem Öffnen eines Geschenkes. Um genau zu sein, ist es die Sprachlosigkeit des Sekundärmoments. Denn nach dem ersten "Wow!Hä?WasistdasSuperes?!" darf man das Geschenk nicht gleich weglegen, sondern muss es in den Händen wiegen, von unten ansehen, daran riechen und bei Büchern und Platten sämtliche (!) Aufschriften lesen. Das reicht aber nicht, es muss auch noch mal was gesagt werden. Etwas, das ehrlich klingt und die Zweifel der Schenkenden megafeste zerstreut. "Das ist super weil, äh, sowas kauft man sich selber ja nie" soll also auch der sinnlosesten Gabe einen Sinn verleihen. Ein komplexer rhetorischer Vorgang: Eine angetäuschte Antithese ex positivo! Das funktioniert nur beim Schenken, weil dabei alle Beteiligten im Plemplem-Modus sind. Man stelle sich vor, mir würde einer von hinten ins Auto fahren und ich stiege aus und sagte: "Du, das ist super, weil so was passiert einem von selbst ja nicht." Früher haben diesen Hauptsatz nur Frauen gesagt, die üppige Blumenbouqets geschenkt bekamen. Dem Satz haftete dabei immer etwas Protestantisches an. Er klang stark nach: "Ich gönne mir selber nie was, während mein Mann hinten sitzt und Koteletts frisst." Heute wird der Satz aber modern für alle Geschenke benutzt und gerät dabei leider oft ziemlich sinnfrei. Zum Beispiel, wenn es sich bei dem Geschenk um Unterhosen oder Bargeld handelt.

Text: max-scharnigg - Illustration: Katharina Bitzl

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