Hauptsatz: „Und, wie fühlt man sich so mit 29?“

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Ich hatte gerade Geburtstag und bin mit diesem Satz folglich gut eingedeckt. Aber der Vorrat muss nun auch wieder für ein Jahr reichen. Selbstredend ist die Zahl in diesem Hauptsatz austauschbar, beginnend vielleicht mit der 17 oder der 18 – wenn sich im Sprachgebrauch langsam die muffigen Nullinhalte der Erwachsenen einschleichen. Ich nehme an, dass ab etwa einem 84. Geburtstag diese Frage nicht mehr gestellt wird, weil die Aussicht auf Antwort dann kleiner ist als ein Safranfaden. Oder weil niemand mehr da ist, der sie fragen könnte – welch’ Wohltat! Denn natürlich ist dieser Satz nur eine Kulisse.

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Illustration: Julia Schubert

Sie wird geschoben vor den Moment, in dem schon gratuliert wurde, man aber weiterhin mit dem Geburtstagskind herumstehen muss. Einerseits möchte man als Gratulierender die Geburtstag-Thematik dann nicht sofort wieder abtun. Andererseits wäre genau das angezeigt. Es gibt nun mal nichts her, dass die Menschen älter werden und Ringe von ihrer Lebenszeit-Bonbonkette abknuspern. Und schon gar nicht wird sich am Geburtstag irgendwie gefühlt. Als Jubilar kommt einem diese neue Zahl so kantig vor, wie eine neue Jeans, an der hinten noch der Marken-Pappkarton hängt. Bis man sich einigermaßen in die neue Alterszahl eingesessen hat, dauert es eine Weile. Ohnehin noch nie habe ich aber „Mensch, bin ich gerade dolle 25!“ gedacht. Nicht mal in der Achterbahn. Deswegen gibt es auf diese Frage vor Ort auch nie mehr als Schulterzucken, an das vielleicht noch Gejammer über das Altern gehängt wird. Damen übrigens, die Besitzerin einer Boutique oder mehrerer Papageien sind, werden zwar aus Pietätsgründen selten mit diesem Hauptsatz belästigt, sind aber die Einzigen, die darauf antworten, sie fühlten sich wie genau 29. Obwohl sie natürlich 53 geworden sind. Da ich leider papageientechnisch noch nicht soweit bin, nickte ich den Satz neulich in gewohnt lahmer Manier ab. Nicht nur das, ich parierte auch die Sätze „Und, machste ’ne Feier?“ und „Ich dachte, du wärst schon 30.“ mit jener ans Machiavellistische grenzenden Kälte, für die ich seit meinem ersten Lebensjahr bekannt bin.

Text: max-scharnigg - Illustration: Katharina Bitzl

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