Hauptsatz: „Voll die Pornobrille, ey“

100 Sätze reichen für ein ganzes Leben. Jede Woche stellt Max Scharnigg einen vor. Diesmal geht es um den schwindenen Witz vermeintlich lustiger Sätze
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In diesem Hauptsatz begegnen wir einer verbreiteten Untugend, die gut in unsere olympischen Tage passt. Es handelt sich um das Totreiten. Das Totreiten ist eine Sportart, die von großen Bevölkerungsschichten ausgeübt wird und zwar interessanterweise nebenbei und ohne es zu wissen. Das Totreiten funktioniert so: Eine kleine Redewendung schleicht sich in die Gesellschaft ein, ein gelungenes Bonmot, ein Filmzitat oder tatsächlich etwas, das einem hellen Menschen mal einfach so eingefallen ist. Jede Zeit hat diese Glühwürmchen des Alltagsgesprächs, in jüngster Vergangenheit war es zum Beispiel die Wendung „mit Migrationshintergrund“, die erst als semigeniales Konstrukt quasi unter der Bank weitergereicht wurde und jetzt von allen Wänden hallt. Ein jeder führt sie im Mund und damit ist der nette Schauder an der Sache weg, die Stelle ist nicht mehr kitzlig, die Wendung totgeritten. Das ist eigentlich nicht schlimm, denn Sprache ist ja kein Schokoriegel.

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Illustration: Julia Schubert

Lästig ist nur, dass es zu jedem dieser ehemaligen Sprach-Glühwürmchen Menschen gibt, denen das sehr Tote daran nicht auffällt und die sie deswegen begeistert weiter durch die Gegend fliegen lassen. Meine einzige Tante beispielsweise redet immer noch von den „kleinen grauen Zellen“ und guckt danach stets, als erwarte sie dafür die Verleihung eines Kleinkunstpreises. Andere bringen weiterhin den Satz „Es kann sich nur noch um Stunden handeln“ an, als wäre er immer noch ein probates Mittel um Wartezeit nett zu übertünchen. Stattdessen erreichen sie damit das Gegenteil - die Wartezeit wird unendlich lang, weil der Witz so unendlich alt/oft gehört ist, dass die Minuten während denen er in der Luft vergammelt, umso traniger verrinnen. Mit der „Pornobrille“ hat es nun eine ähnliche Bewandtnis. Anfangs mag das eine passende Metapher gewesen sein, für eine Sonnenbrille deren Design auch von Unbewanderten als „retro“ eingeschätzt werden kann und die meistens über einen Goldrand verfügt. Einer derartigen Brille ansichtig geworden, sagte einst also einer, der nicht mehr zu ermitteln ist, nicht: „Voll die Retrobrille, ey“, sondern er sagte „Voll die Pornobrille, ey.“ Vielleicht weil er sich tatsächlich an einen Porno erinnert fühlte, in dem ein Protagonist sein Tagwerk mit ebensolcher Brille versieht. Den Beifall der Umstehenden auf diese geniale Stegreif-Schöpfung jedenfalls kann man sich vorstellen und der Schöpfer hat ihn zu Recht empfangen. Gut. Nun macht der Begriff „Pornobrille“ die Runde und begeistert, weil er noch neu ist, in unzähligen ähnlichen Situationen die Beteiligten und diese Begeisterung kann auch noch, je nach Geschwindigkeit seiner Verbreitung, Monate und Jahre damit erzeugt werden. Aber irgendwann kommt unweigerlich ein Punkt, an dem jeder der noch aktiv am Leben teilnimmt, von der „Pornobrille“ gehört hat und zwar mehr als dreimal. Dann ist es Zeit für den Spruch, in das Vokabular eines Mario Barth eingepflegt zu werden, der eine Art Gütesiegel für totgerittene Sprüche darstellt. Es ist auch der Zeitpunkt an dem der Begriff „Pornobrille“ bei Google eingegeben, auf eigene Pornobrillen-Webshops verweist, sowie auf Fangruppen, Bands und Karnevalspartys, die sich damit schmücken. Bald wird er auch im Jugendsprach-Duden stehen. Das Wort ist überall angekommen. Eigentlich könnte es sich jetzt auflösen, denn seinen ursprünglichen Zweck, den Witz, hat es ja längst eingebüßt. Aber es bleibt, weil sich immer jemand findet, der damit noch mal ein Kichern abstauben möchte. So wie meine Tante mit den kleinen, grauen Zellen.

Text: max-scharnigg - Illustration: Katharina Bitzl

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