"Ich bin noch gar nicht in Weihnachtsstimmung"

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Gut, dass Weihnachten nicht so eine Art Bürgerbegehren ist. Wenn man jedes Jahr abstimmen könnte, ob es stattfinden solle oder nicht, dann hätte ich mein letztes Weihnachtsfest wohl mit elf erlebt. Seit dieser Zeit nämlich erzählen die Menschen, die sich in der Nähe meiner Ohren aufhalten immer so um den 12. Dezember herum, dass sie dieses Jahr nun überhaupt gar nicht in Stimmung wären, nix, null, nada navidad, wie die Clementinen sagen.

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Illustration: Julia Schubert

Weil Weihnachten aber nun kein Bürgerbegehren ist, ist es ihm schnurzpiegal, ob die Leutchen drauf Stimmung haben oder nicht. Es kommt einfach und steht in Hausschuhen im Flur, jedes Jahr, pünktlich zum 24. Dezember. Um dann von all den Stimmungsverweigerern genauso begangen zu werden wie im letzten Jahr. Das Gemecker ließe sich also einfach streichen. Stattdessen wird jedes Jahr wieder lauthals ein Mangel an Weihnachtsstimmung proklamiert, ganz so, als ob das irgendwas ändern würde. Allenfalls ahnen die eifrigen Benutzer des Hauptsatzes, dass sich ihre periodische Unlust mit der Zeit etwas abnutzt. Deswegen suchen sie sich immer aufs Neue in ihrer aktuellen Abneigung besonders hervorzutun, sagen also mittlerweile "Dieses Jahr bin ich nicht nur nicht in Weihnachtsstimmung, ich werde sogar superzornig, wenn ich nur daran denke!" oder, besonders gemein: "Ich habe diesmal so wenig Lust auf Weihnachten, es könnte von mir aus auch gleich Ostern drankommen." Als Zuhörer solch wüster Prognosen, würde ich immer zu gerne wissen, wie eine Weihnachtsstimmung denn jeweils auszusehen hätte? Oder unter welchen Bedingungen sie doch noch eintreten könnte? Denn es muss im Leben dieser Menschen einmal eine gute Weihnachtsstimmung gegeben haben, sonst wüssten sie ja nicht, dass sie derzeit abgeht. Wenn ich also mit ihnen um die nächste Ecke böge, und dort stünden dann nebeneinander Schneeflöckchen und Bratapfel-Ofen, ein goldiges Kapellchen und zwei Pfund Rauschebart, würde es dann "klick" machen? Wäre dann so richtig Weihnachtsstimmung? Ich weiß es nicht, aber ich denke, an dieser Schnittstelle sollte man forschen. Den Ungestimmten wäre vielleicht erstmal eine schneidige Sonde ins Gehirn zu jagen, um festzustellen, woran es mangelt. Danach ließen sich vielleicht irgendwann diese Mängel künstlich ersetzen. Solche Weihnachtsstimmungsaufheller wären doch für die sympathische Pharma-Industrie ein interessantes Geschäft. Sie sollten nur nicht süchtig machen. Sonst wären die Menschen das ganze Jahr über in feinster Weihnachtsstimmung und Ostern, Karneval und Namenstage hätten das Nachsehen.

Text: max-scharnigg - Illustration: katharina-bitzl

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