„Ich finde, Energiesparlampen machen irgendwie so kaltes Licht.“

100 Sätze reichen für ein ganzes Leben. Jede Woche stellt unser Autor einen vor.
max-scharnigg

Es gibt Empfindungen, die wahr sind, aber nicht mehr zum Herumposaunen taugen. Das gilt für die Unverträglichkeit von Energiesparlampen genauso wie für das Gutfinden der Jahreszeit Herbst. Ordinäres Gemeingut! Alle finden Energiesparlampen kalt und steril. Ich habe ein anderes Problem – ich finde, die EU fordert an der falschen Stelle den Fortschritt. Alte wie neue Birnen in alten wie neuen Lampen müssen immer noch und immer von mir installiert werden. Ich habe Berliner Bekannte, die zum Lampenaufhängen Elektriker ins Haus holen. Aber in Berlin kriegt man laut Erich Kästner auch Tausend Mark wenn man sein Gehirn auf die Bank bringt.

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Illustration: Julia Schubert

Wenn ich eine Lampe installiere, so geschieht dies mit dem Physikwissen eines Anoraks. Ich weiß nichts mehr über die Eigenheiten von Wechselstrom, nicht mal warum er Wechselstrom und nicht Kirschenstrom heißt. Die einzige Situation, bei der ich je in die Nähe einer Ohrfeige geriet, war, als ich meinem Vater nach dem Abitur testweise den Unterschied zwischen Volt und Kilowatt benennen sollte. Dessen ungeachtet werde ich im weiten Bekanntenkreis zur Lampeninstallation herangezogen, ja, ich darf mit Bescheidenheit sagen, das ich in dieser Hinsicht Einiges gelte. Vor jedem „Job“ ziehe ich Winterstiefel an, da diese als Einzige über eine nennenswerte Gummidicke an der Sohle verfügen. Leider kann ich Nachfragen nach dem Sinn der Gummisohlen nicht beantworten, es ist eher ein Ritual. Sodann steige ich auf einen Tisch, um die Altbaudecke mit heraushängenden Kabeln zu erreichen. Dabei begleiten mich die guten Wünsche der zurückbleibenden Frauen und Kinder. An diesem Punkt erinnere ich mich an die Existenz von Sicherungen und gebe an die Unteren weiter, sie mögen selbige doch bitte entsichern. Das Gemeine ist, dass auch danach die Drähte ungemein tödlich aussehen. Deshalb bemühe ich mich, das Lüsterklemme genannte Plastikding, das ich als Beweis meiner Professionalität mehrfach laut bei seinem Namen nenne, so direkt auf den Draht zu setzen, das ich ihn gar nicht berühren muss. Dabei wackle ich derart, dass die ameisenbeingroßen Schrauben der Klemme auf den Boden fallen und ich vor Schreck mit der Hand ins Kabel fasse. Auch ohne Stromschlag zucke ich jetzt so heftig zurück, dass alle Anwesenden denken, der Leibhaftige hätte bei mir angeklopft. Ist alles beisammen, schraube ich ohne Regel Drähte in die Klemme und wurschtle alles unter den Lampenbecher. „Sicherung ein!“ und siehe da: Die Birne brennt, das Volk applaudiert, ich unterschreibe Autogramme als Isaac Newton. Erst danach bricht Angstschweiß aus und ich zittere, im Gedenken an die verpassten Stromstöße. Kann die EU nicht einen Steckverschluss für Lampenkabel anordnen? Dafür würde ich kaltes Licht in Kauf nehmen. Das passt nämlich eh ganz gut zu meinen kalten Füßen.

Text: max-scharnigg - Illustration: Katharina Bitzl

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