"Ich glaube, das da ist der Große Wagen"

100 Sätze reichen für ein ganzes Leben. Jede Woche stellt unser Autor einen vor.
max-scharnigg

In unserer Generation zu leben, ist ein bisschen wie Pinguin im Zoo zu sein. Von außen klopfen fremde Menschen ans Sicherheitsglas, geben uns Namen, analysieren unsere Bewegungen, schütteln verächtlich den Kopf oder machen aufgeregt Zeichen. Innen aber ist es ganz ruhig. Es gibt genug zu essen, man kann zwar nicht so richtig raus, aber eigentlich reicht es schon. Wer ausflippen möchte, düst einmal an der Scheibe entlang. Die übrige Zeit watschelt jeder vor sich hin, bis es ihn auf die Schnauze legt und dann geht er eben in die andere Richtung weiter. Eigentlich okay. Wenn es nur nicht alle fünf Wochen Momente gäbe, in denen man kurz klar im Gebälk wird und links auf Bauchnabelhöhe so ein ziehendes Ungut-Gefühl spürt. Gottfried Benn und Thomas Bernhard würden vermutlich sagen, was da zieht ist das Sterbenmüssen. Ich sage: Es ist ein großer Vibrationsalarm aus Sehnsucht, Selbstmitleid und frischer Luft. Besonders gerne tritt dieses Gefühl auf, wenn man nachts unvermittelt ins Freie tritt, vielleicht bei einer Party den geheimen Balkon entdeckt hat oder sich auf dem Rückweg vom Open-Air-Kino befindet, dann um die Ecke geht und feststellt, dass sonst niemand in diese Richtung muss. .

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Illustration: Julia Schubert

Dann ist es sehr still und man selbst allein beziehungsweise plus eins, mit einem vertrauten Menschen. Weil man ahnt, dass die große Stille und Heiligkeit in diesem Moment dort herkommen müssen, wo es keine Menschen gibt, schaut man nach oben. Da steht, hallo, der Nachthimmel und haut einem wie ein ganz lieber Riese mit einer weichen Keule eine rein. So schön ist er. Selbst irgendwo in Milbertshofen am Eck ist er schön. Man muss also stehen bleiben und gucken und schlucken und die vertraute Person tut es auch, ohne dass man gesagt hätte: „Wart’ mal, ich muss gucken und schlucken, mach doch mit.“ Nein, sie tut es von alleine. Nichts berührt uns so sehr, als wenn man ohne vorherige Anleitung das Gleiche macht. Er punktet also mal wieder, der alte Himmel, diese Romantiksau. Und links vom Bauchnabel schüttert es schon ganz gewaltig, die Nierchen vibrieren flau und da ist es gut, dass es einen Hauptsatz gibt, der für diese Situation gemacht wurde. „Ich glaube, das da ist der Große Wagen.“ sagen, und dazu die Hand vage durch die Luft schwenken, diese vertraute Kombination setzt uns wieder aufs alte Gleis. Der gefährliche atemlose Moment ist vorbei und alles geht weiter. Der vertraute Mensch an der Seite macht kleine Lippengeräusche und will geküsst werden, der Ampelsummer für Blinde summt und die Füße tun weh. Man weiß, wie es jetzt weitergehen muss: Großen Wagen anschauen und die Deichsel mit dem Zeigefinger nachfahren. Dann erzählen, dass man sich sonst keine Sternbilder merken kann, dass man während des halben Jahrs in Australien so einen absolut irren Sternenhimmel gesehen hat, dass irgendwann jetzt doch auch wieder diese vielen Sternschnuppen kommen müssten und man Astronomie und Astrologie immer verwechselt. Nach diesen beruhigenden Nichtigkeiten die man schon so oft zum Besten gegeben hat ist man dann bald zu Hause oder geht wieder rein ins Warme, weil es auf dem kleinen Balkon doch ein bisschen kühl geworden ist. Dort schwimmt man noch ein paar Runden mit den anderen Pinguinen durchs gewohnte Becken und ist’s zufrieden.

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