"Ich hab das noch gar nicht realisiert."

Manche Sätze hört man häufiger als andere. Regelmäßig stellt unser Autor hier einen davon vor.
max-scharnigg

Den heutigen Hauptsatz hat ein aufmerksamer Leser eingeschickt, er ist ihm am Fernsehgerät aufgefallen. Es stimmt tatsächlich, wann immer dort ein Casting überstanden, ein Krönchen errungen ist und der Gewinner deswegen in die Kamera zu sprechen hat, ist so manches noch nicht realisiert.



Bei dieser Wendung handelt es sich um einen wüst rankenden Anglizismus, abgeleitet vom englischen 'to realize', das unter anderem als 'merken' übersetzbar ist. Das hierzulande korrekte 'realisieren' aber ist wohl eher französischen Ursprungs und wäre ureigentlich die Aufgabe eines Architekten, der es zum Beispiel schafft, ein Bauvorhaben real zu machen, also Wirklichkeit werden zu lassen. Wenn der Architekt kommt und sagt: 'Ich habe in Altötting einen real-Supermarkt realisiert' dann ist das richtig und schön für ihn. Wenn der Designer vom Blatt weg ein Regal realisiert auch. Wenn Tiffy Schmidt hingegen sagt: 'Hä, den real-Supermarkt in Altötting, den hab ich noch gar nicht realisiert' dann ist das zwar umgangssprachlich akzeptiert, zumindest für alle mithörenden Architekten und Designer aber äußerst missverständlich.

Ein Paar mit akutem Kinderwunsch könnte diesen realisieren, was aber eher selten auf diese Art ausgedrückt wird. Stattdessen sagen die Beteiligten: 'Wir haben noch gar nicht richtig realisiert, dass wir jetzt Eltern werden.' Woher nur kommt unsere große Schwäche für ein 'realisieren' mit einer erwünschten Bedeutung im Sinne von 'sich darüber klipp und klar werden'? Vermutlich nicht nur daher, dass wir zu viele amerikanische Serien im Originalton gucken und deswegen fremde Versatzstücke in unsere Sprache einflechten, wie junge Mädchen Bänder in ihr Haar. Nein, es lockt sicher auch eine kleine Verwirrung mit 'realistisch' dessen Bedeutungshorizont sich nun mal von 'wahrscheinlich' bis eben hin zu 'klar und nüchtern' erstreckt.

Wenn ich also endlich realisiert habe, dass ich bei Real Madrid als StadionMaskottchen eingestellt wurde, schwingt auch mit, das ich etwas vorher total Unrealistisches eben doch realistisch gemacht und vulgo: realisiert habe. Ist falsch, fühlt sich aber richtig an. Da unsere schöne und lebendige Sprache eine semipermeable Membran ist, lohnt es sich kaum noch, gegen solche verlockenden Einschleifungen anzukämpfen. Das Einzige, was kurzzeitig hilft, ist den Fernseher auszuschalten, den Kopf in den Sand zu stecken und so zu warten, dass sich das alles irgendwann egalisiert.

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