„Ich hab irgendwie noch gar kein’ Hunger“

100 Sätze reichen für ein ganzes Leben. Jede Woche stellt unser Autor einen vor.
max-scharnigg

Ich bin, wie jeder Mensch, ein Import/Export-Händler in eigener Sache. Ich importiere Schnitzel, Marmeladebrote und schluckweise Bier und exportiere alles wieder, wenn die Zeit gekommen ist. Das ist ein hübsch florierendes Unternehmen, darmflorierend könnte man sogar sagen, wenn man zu viel Joghurtwerbung gesehen hat. Nun, vor allem beim Import bin ich recht flexibel. Mal importiere ich im Stehen, mal beim Autofahren und sehr gerne auch in eigens zu diesem Zweck eingerichteten Etablissements. Wenn man älter wird, trifft man sich ja nicht mehr wie früher hinterm Schuppen vom Pulver-Bauer, sondern man geht ganz selbstverständlich abends zum Essen. Fast immer soll es dann nur eine sogenannte Kleinigkeit sein. Bedauernswert selten verabredet man sich mit den Worten: „Ich möchte gerne bergeweise Brät bunkern, heute abend!“ Da die meisten Abendkarten der Restaurants auf Kleinigkeiten aber nicht spezialisiert und die Wirte Kleinigkeiten begehrenden Gästen nicht gesonnen sind, kommt es nie dazu. Stattdessen isst man nach erwachsener Art: Vorspeise (gemeinsam), Hauptspeise (getrennt), Dessert (nach anfänglichem Widerstand.)

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Illustration: Julia Schubert

Ins gleiche Themen-Cluster wie die „Kleinigkeit“ gehört die überrascht vorgetragene Mitteilung, dass man irgendwie noch gar keinen Hunger habe. Der Hauptsatz ist korrekterweise genau in dem Moment auszusprechen, in dem man mit beiden Händen flach auf die Tischplatte patscht, um zu demonstrieren, dass diese fürchterlich wackelt. Das ist auch sehr kurios: Nahezu alle Gasthaustische wackeln. Gut, denkt man, das ist, weil der Herrgott die Erde mit dem Teigschaber nach Feierabend ungenau hingespachtelt hat. Macht ja auch nichts, denn man ist zwar irgendwie noch ohne Hunger, aber doch mit praktischem Verstand angereist. Also begibt man sich sogleich a deux oder auch mal im Rudel unter den wackelnden Tisch. Dort wird die Unebenheit unter Zuhilfenahme von Bierdeckeln, Servietten und alten Pfannkuchen aufgefüllt und behoben. Das machen jedenfalls die meisten Menschen, die ich kenne und zwar beinahe schon reflexartig. Man muss nun kein mit seiner Arbeit verheirateter Stochastiker sein, um festzustellen, dass es also rein statistisch keine wackelnden Tische mehr geben dürfte. Alle müssten doch längst irgendwann von Gästehand geflickt worden sein. Stattdessen aber erlebe ich jeden zweiten Abend: NurneKleinigkeit! IrgendwienochkeinHunger! Wackeltisch! Ich muss annehmen, dass die Wirte die kunstvollen Stopfwerke ihrer Gäste allabendlich entfernen, wenn sie mit Geld zählen fertig sind. Der Grund liegt auf der Hand – das Entstörungsmanöver am Tischbein lenkt Gäste von ihrem gezierten Nichthunger ab. Wer aus den Niederungen eines Tisches auftaucht, hat nicht nur Selleriestaub im Haar, nein, er fühlt sich auch ausgepowert und ist endlich bereit zu massiven Importgeschäften in eigener Sache.

Text: max-scharnigg - Illustration: Katharina Bitzl

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