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„Ich kann mich gar nicht erinnern, was ich heute geträumt habe“

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Eine solche Amnesie, was die Träume der letzten Nacht betrifft, ist weit verbreitet. Es gibt auch Menschen, die sich überhaupt nie an irgendeinen Traum erinnern können, sondern immer mit völlig leergefegter Domplatte aufwachen. Die Armen! Wo es doch ein kolossales gesellschaftliches Ereignis darstellt, sich gegenseitig die Träume der letzten Nacht zu erzählen. Büros und Frühstücksräume sind gekachelt mit den abstrusesten Geschichten, die dort von bislang unauffälligen Personen zum Besten gegeben werden. Dabei ist die Schilderung des eigenen Traums für die anderen Zuhörer meistens vollkommen unerquicklich. Sie geht doch immer mit einem „Also ich war in so einem komischen Haus . . .“ los, enthält Sätze wie „Dann seid ihr alle dazu gekommen und mein alter Biolehrer war auch da“ und am Schluss „bin ich irgendwie aufgewacht“. Dazwischen ereignen sich die albernsten Sachen, von denen die Träumer einfordern, dass man ihnen aufmerksam folgt und vielleicht sogar Respekt zollt. Dafür, dass sie nackt mit einem Toaster im Arm versucht haben, dringend zum Bahnhof zu kommen. Als netter Mensch lächelt man so etwas weg und sagt bemüht: „Voll verrückt.“

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

Dass das Ausbreiten primitiver Schlafdetails so populär ist, dürfte auch an ihrem Immunitätsstatus liegen. Als Traum verpackt darf man alles erzählen. Es geht der Tag in der WG doch gleich besser los, wenn man dem doofen Mitbewohner schildert, wie man gerade seine Entführung durch belgische Monster leider nicht verhindern konnte. Oder ihm einfach das beliebte „Ich hab geträumt, du warst irgendwie tot“ reindrückt. Wer hingegen seiner reizenden Banknachbarin näher kommen möchte, verpackt dieses Verlangen gut und günstig in ein vielsagendes „Heute habe ich fei von dir geträumt!“ Wenn sie dann tiefere Einsicht in die Traumakten nehmen möchte, darf man keinesfalls die Wahrheit sagen – nämlich dass man ihr ohne großes Aufhebens die Hosen runtergezogen hat. Stattdessen muss ein galantes Träumchen erfunden werden, das nur einen zarten Ansatz von Pikanterie aufweist. Unter alteingesessenen Paaren gibt es beim Sonntagsfrühstück gelegentlich den einseitigen Versuch, für Romantik zu sorgen, indem man den anderen anzwinkert und sagt: „Heute habe ich die ganze Nacht von dir geträumt.“ Das ist nett und gerne hört man sich als Partner die genaueren Umstände an. Leider fordert dieses Bekenntnis eine Erwiderung, die man nie geben kann: „Schatz, ich habe heute auch von dir geträumt“ ist immer unglaubwürdig. Vor allem, da man ja seit Monaten von der reizenden Banknachbarin träumt. In diese peinliche Situation tritt der heutige Hauptsatz wie ein rettender Erzengel und enthebt die Falschträumer aller weiteren Nachfragen.

Text: max-scharnigg - Illustration: Katharina Bitzl

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