„Ich rechne immer noch in D-Mark“

100 Sätze reichen für ein ganzes Leben. Jede Woche stellt unser Autor einen vor.
max-scharnigg

Wenn ich mal in die Verlegenheit käme, bei einem Malwettbewerb ein Bild von einer Kaffeefahrt abliefern zu müssen, würde ich einfach einen Bus zeichnen, aus dem ganz viele Sprechblasen aufsteigen. In allen Sprechblasen stünde immer genau dieser Hauptsatz. Busse und Sprechblasen könnte ich gerade noch zeichnen, alte Menschen aber nicht, deswegen kämen die nicht auf’s Bild. Sie sind aber natürlich die Top-Zielgruppe des Satzes, denn nur sie haben auch sieben Jahre nach Einführung des Euros die Registrierkassen in ihren Köpfen noch nicht umgestellt. Der Satz wirkt mittlerweile schon etwas kauzig, aber zur Strafe müssen seine Benutzer ja auch auf Kaffeefahrt gehen. Und so lange sie dabei nicht das Wort „Teuro“ wieder aus seinem Exil holen, dürfen sie meinetwegen noch alles in D-Mark rechnen.

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Illustration: Julia Schubert

Weitaus verbreiteter und auch in den Sprechblasen der Jugend zu finden, ist dagegen noch die Gewohnheit, ausgewählte Euro-Preise vor Ort laut in Mark umzurechnen. Die dabei gewonnenen Ergebnisse sind unbedingt mit einer Empörung vorzutragen, auf die jeder UN-Chefankläger stolz wäre. „Überleg mal, das wären fast hundert Mark!“ murunkelt es landauf landab in den Supermarktregalen. Derjenige, der sich das überlegen soll, muss die Augen aufreißen, kurz so tun, als würde er selber nachrechnen und sagen „Stimmt, sind ja fast hundert Mark.“ Dann muss er gefälligst den überteuerten Radieschenbund oder die Olivenholz-Salatöffel wieder ins Regal stellen, denn jetzt weiß er, dass er das Zeug zu D-Mark-Zeiten nimmermehr gekauft hätte. Hundert Mark hätte man damals für überhaupt gar nichts ausgegeben. Die hatte man auch nicht, weil man vielleicht erst elf war. Jedenfalls entsteht durch das schockartige Umrechnen in alte Währung heute der Eindruck, in der guten, alten D-Mark-BRD hätten sich Händler Beträge jenseits der fünfzig Mark Grenze nur sehr selten erlaubt. Tja, mit dem Euro sind diese guten Sitten leider ins Kraut geschossen. Bedauerlich finde ich auch, dass in den letzten Jahren der D-Mark die Menschen nicht quasi umgekehrt vor den Regalen gestanden und also jubiliert hatten: „Überleg mal, das werden bald nur 50 Euro sein!“ An die ersten Monate des Euros erinnere ich mich noch gut. Es war die Zeit, in der ich immer sehr unpünktlich war. Denn durch das fortwährende Halbieren der alten Preise oder ständige Verdoppeln der neuen, hatte ich automatisch begonnen, mit allen Zahlen die mir unterkamen, so zu verfahren. Wenn mir jemand sagte, ich hätte um 18 Uhr zu erscheinen, halbierte ich die 18 wie von selbst, als wäre es noch die alte Zeit und nicht die neue Euro-Zeit. Genauso ging es mir mit den Altersangaben von Menschen und Kennziffern von Autobahnen, ich verdoppelte und halbierte wie ein abtrünniger Taschenrechner. Als ich sogar anfing, Telefonnummern im Kopf umzurechnen, wurde es zum Glück Sommer und ich knallte mit dem Kopf gegen die Leiter vom 1,5-Meter-Sprungturm im Freibad. Als ich damals die Augen wieder aufmachte, war es wieder der Drei-Meter-Sprungturm und dabei blieb es bis heute. Seitdem finde ich den Euro gut und witzig. Nur eben halt furchtbar teuer.

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