„Ich werde gar nicht braun, nur rot“

100 Sätze reichen für ein ganzes Leben. Jede Woche stellt unser Autor einen vor.
max-scharnigg

Mit der gleichen unabänderbaren Zuverlässigkeit mit der ich „amchen“ statt „machen“ tippe und „cih“ statt „ich“, muss ich jeden Sommer mehrmals meinen nackten Arm an einen fremden Arm pressen. Das ist der Braunvergleich. Ich bin nicht sehr gut in Braunvergleich. Meistens geht der andere Arm deswegen direkt in Jubelpose über und der andere Mensch hat seine Freude. Im gleichnamigen Taumel begeht er dann gleichzeitig einen Verstoß gegen die deutsche Schul-Grammatik und die jüngere deutsche Geschichte. Er schreit: „Meiner ist brauner!“ Wahlweise auch bräuner oder am bräunsten.

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Illustration: Julia Schubert

Farben zu steigern ist zwar verboten, aber mit der steigenden Popularität des Braunvergleichs unter jungen und jüngsten Menschen wird eine Neuregelung dieses Verbots dringend erforderlich. Ist doch auch klar: Als die Grammatik entdeckt wurde, gab es noch keine Kurztrips in die Sonne und die AfterSun war nicht erfunden. Stattdessen hatten die Frauen spitze Hüte auf, mussten sich schräg aufs Pferd setzen und wollten eine möglichst weiße Hautfarbe haben. Elektrisches Licht gab es nicht und wenn man abends in der Burg bis in die Puppen Schreckenstein-Bücher lesen wollte, musste die Haut leuchtend weiß sein, damit sie genug abstrahlte. Man war sich selber eine natürliche Nachttischlampe! Heute lächeln wir über diese simple Methode der Ritter und finden sonnengebräunte Arme schöner als weiße. Meine Forderung deswegen an das neue EU-Parlament: Wer die sonnengebräuntesten Arme hat, muss dies heute auch durch einen legalen Komparativ kundtun dürfen. Nach meiner Niederlage benutze ich den Hauptsatz und die anderen Beteiligten sparen nicht mit Verständnis. Mindestens einer sagt auch das Wort Hautkrebs, das in die Liste der 100 modernen Spaßverderber gehört. Nachts, wenn ich kaputt rumliege, denke ich dann: Ob es mal eine Zeit geben wird, in der die Menschen rote Haut sexy finden? Und wie werden die auf dem Pferd sitzen? Im Schneidersitz?

Text: max-scharnigg - Illustration: Katharina Bitzl

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