"Ist da schon Salz drin?"

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Je älter ich werde, desto mehr weiß ich. Zum Beispiel, dass es zu jeder großen Erfindung der Menschheit eine Anekdote gibt. Die geht immer ungefähr so: Die Frau des Erfinders wollte damals eigentlich nur die Fenster putzen und mühte sich mit dem schwappenden Putzeimer und der kleinen Leiter ab. Ihr Mann, der Erfinder, kam just in diesem Moment zur Tür rein und sah seiner Frau nachdenklich beim Putzen zu. Dank dieser Inspiration erfand er dann später den Locher oder entdeckte das umgekehrte Bratenaxiom. Wirklich sehr fröhlich, diese Erfindungs-Anekdoten.

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Illustration: Julia Schubert

Weil ich kein Erfinder bin, geht es bei mir ganz anders zu. Das nette Fräulein in meiner Küche will eigentlich nur Nudelwasser aufsetzen und müht sich mit dem schwappenden Riesentopf ab. Ihr Freund, der Kolumnist, kommt just in diesem Moment zur Tür rein und sieht seiner Freundin nachdenklich beim Nudelwasseraufsetzen zu. Dank dieser Inspiration erfindet er nichts. Aber er fragt ein paar Sekunden später: Ist da schon Salz drin? Dieser Satz ist der wichtigste unwichtige Satz, den man in einer Küche stellen kann. Ich vermute, dass es auch Paare gibt, deren Kommunikation sich mit den Jahren auf diesen Satz reduziert hat. Wenn nicht mal mehr der Salz-Satz gefragt wird, ist die Beziehung am Ende. Ich frage den Satz heute reflexartig, sobald ich wallendes Wasser sehe, auch wenn es nur die Sprudeldüse im Pullacher Freibad ist. Dabei ist die Frage bei uns in der Küche eigentlich hinfällig – wenn ich selber Wasser aufsetze, kippe ich immer sofort Salz hinterher, das liebe Fräulein macht es genauso. Wir haben noch nie ungesalzene Nudeln gegessen, es gibt keine nennenswerten Traumata in dieser Hinsicht, auch in der Kindheit: alles salzig. Trotzdem fragen wir jedes Mal nach, ob der andere schon oder ob man selber noch mal sollte? Das ist im Grunde ein ziemlich offenes Anzweifeln der Geistesgegenwart des Partners. Wenn Streit in der Luft liegt, ist das Salz-Sätzchen deswegen auch eine nützliche Räuberleiter ins Donnerwetter. Meistens aber sagt das Fräulein einfach: ja. Ich salze dann trotzdem noch mal, wenn sie nicht hinschaut. Das hat gar nichts damit zu tun, dass ich ihr nicht vertraue. Es ist nur so, dass mir das Wasser eben immer so überhaupt nicht gesalzen vorkommt, also rein optisch. Deswegen salze ich heimlich nach und denke an Günter Grass und seine olle Ilsebill. Das Fräulein hat neulich in einem schwachen Moment gestanden, dass sie es genauso mit von mir aufgesetztem Nudelwasser hält. Das heißt wir haben in den vielen Jahrzehnten unseres Zusammennudelns stets Spaghetti (bzw. Knödel, Reis, Kartoffeln) verkostet, die in doppelt gesalzenem Wasser weich wurden. Geschmacklich ist uns das nie so richtig aufgefallen, jedenfalls kann ich mich keines Tischgesprächs mit diesem Inhalt entsinnen. Deswegen ist die Frage also eigentlich doppelt hinfällig; weder vergessen wir das Salz je, noch stört es, wenn trotz vorangegangener Salzung noch mal gesalzen wird. Freilich, in einer Kommune kann das schon anders sein, wenn es also ein Dutzend Personen mit Herdzugang gibt, die so verfahren wie wir. Um salzverkrustete Organe zu vermeiden, müsste die Kommune wohl einen Erfinder einladen. Die Kommunardin will dann eigentlich nur Nudelwasser aufsetzen und mühte sich mit dem schwappenden Riesentopf ab. Ihr Gast, der Erfinder, kommt just in diesem Moment zur Tür rein und sieht ihr nachdenklich beim Salzen zu. Und dann sieht er zu, wie Ulf, Marieke, Tilly, Sebi und Forella noch mal nachsalzen. Dank dieser Inspiration erfindet er dann einen Topf, der anzeigt, wenn das Nudelwasser bereits gesalzen ist. Oder einen neuen Locher. Mehr zum Thema im Essens-Schwerpunkt auf jetzt.de

Text: max-scharnigg - Illustration: Katharina Bitzl

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