Ist hier rechts vor links?

100 Sätze reichen für ein ganzes Leben. Jede Woche stellt unser Autor einen vor.
max-scharnigg
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Illustration: Julia Schubert

Bei Tieren sind Übersprungshandlungen gut erforscht. Ein Huhn etwa, das ansehen muss wie seinem Kollegen der Hals umgedreht wird, erleidet einen Schock und fängt als Übersprungshandlung an, Körner zu picken. Auch wenn es gar keine Körner gibt, das Huhn tut einfach so. Ich habe oft Lust, nach unsichtbaren Körnern zu picken, aber diese Übersprungshandlung ist für meine Spezies nicht zugelassen. Stattdessen kremple ich im Zustand akuter Verstörung meine Hemdsärmel bis unters Schlüsselbein und stelle mich auf die Außenseiten meiner Schuhe, als wäre ich eine Lokalbahn. Fahre ich allerdings Auto und werde dabei angehupt, sage ich als Übersprungshandlung: „Höh? Isthierrechtsvorlinks?“ und steige auf die Bremse, als müsste ich sie unten aus dem Auto raustreten. Bei mir ruht die RechtsvorLinks-Regel in einer Art Zwischenablage, die sich stets zu spät öffnet. Dann nämlich, wenn ich links vor rechts halb in einer Kreuzung stehe und mich die Lichthupe eines Opels unfreundlich duzt. Es sind an Rechtsvorlinks-Kreuzungen immer Opel-Kombis, die ganz doof im Recht sind. Während andere Verkehrsregeln stumm hingenommen werden, verlangt eine RechtsvorLinks-Situation nach öffentlichem Ausspruch. Vielleicht, weil sie nicht sofort auf einem Schild nachprüfbar ist und deswegen etwas unwirklich scheint. „War da ein Stopp-Schild?“ oder „War die Bahnschranke wirklich schon unten?“ lässt sich ad hoc nachprüfen, das RechtsvorLinks aber liegt über den Straßen der Wohngegenden wie ein zarter Fluch. Man denkt nicht dran und glaubt es kaum, wenn ein anderer Autofahrer sich darauf beruft. RechtsvorLinks ist das Passwort für mein schlechtes Gewissen. Darüber hinaus bringt es mich bisweilen auch an die Grenzen meiner räumlicher Vorstellungskraft. Wenn sich auf vier kleine Straßen vier große Autos gegenüber stehen und darauf warten, welches am schnellsten recht von links unterscheiden kann, schneide ich immer schlecht ab. Ich erinnere mich, dass in der Fahrschule dafür das nonverbale Verständigen mit den anderen Fahren als Lösung vorgeschlagen wurde. Klappt natürlich nie. Stattdessen machen alle hinter dem Lenkrad das gleiche wie ich: Picken nach unsichtbaren Körnern.

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