"Kann ich so gehen?"

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Möglicherweise ist dieser Satz der einzige Grund, warum wir dauerhaft in Beziehungen leben. Man sagt ihn im Laufe seines Lebens jedenfalls häufiger zu seinem Partner als „Liebst du mich?“ – und interessiert sich im Schnitt auch wesentlich mehr für die Antwort. Natürlich sind mit der Frage niemals tatsächlich Probleme mit dem Geläuf gemeint, zum Beispiel, weil man seinen Fuß in einem irdenen Gefäß verklemmt hat und sich fragt, ob man trotzdem vorwärts kommt.

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert



Nein, immer geht es um das, was man sich gerade übergeworfen hat, um den modischen Gesamteindruck und ob er den angestrebten Standards nahe kommt. Man hat da zwar selbst schon eine Ahnung, aber für die letzte Gewissheit bräuchte man eben einen sprechenden Spiegel, aber den gibt es leider nur im Märchen. Sprechende Partner sind etwas häufiger. An sie heran trägt man also den gekleideten Body mitsamt der Frage und macht dem anderen damit nebenbei auch ein Kompliment – schließlich vertraut man seiner Urteilskraft und darauf, dass er sie so wahr wie nötig und trotzdem so charmant wie möglich einsetzt. Ehrlich gesagt ist oft auch niemand anderes da, den man fragen könnte, was aber nicht schlimm ist, denn das ganze Manöver ist meistens ohnehin nur rhetorischer Natur. Es dient, insbesondere vor wichtigen Terminen, als letzter aufmunternder Klapps, den man sich vom anderen holt, als Daumenhoch und: „Du siehst super aus, so schnappst du dir jetzt den Job als Vertriebsassistent Oberbayern-Ost!“.

Was man nicht will ist, dass der andere im Faserpelz auf der Couch hockt und dramatisch langsam den Kopf schüttelt. Nicht nur, weil man zum Zeitpunkt der Frage meist schon mit dem halben Bein aus der Tür ist und mental nicht mehr auf Umkleiden eingestellt, sondern auch, weil es natürlich eine Unverschämtheit ist, wenn der andere einfach so sagt, dass man aussieht wie die letzte Ente. Einspruch darf, wenn überhaupt, nur ganz dezent erfolgen und muss immer ex positivo kommen, also zum Beispiel: „Echt stark deine beige Breitkord-Weste, aber vielleicht wird’s dir darin zu warm? In dem schlichten, dunklen Pullover finde ich dich jedenfalls auch immer gut.“ Maximales Warnsignal wäre: „Wenn du dich wohlfühlst. . . “ Das muss reichen, um beim Angezogenen das Pendel des Zweifels anzustoßen, das in jedem schwingt, der versucht, sich nach Art zivilisierter Menschen zu verkleiden.

Gemein an diesem Hauptsatz ist, dass man ihn immer nur fragt, wenn man die Draußenwelt besucht und nie, wenn man sich anschickt, mit der Geliebten ruhige Stunden zu verbringen. Da wäre ein „Kann ich so mit dir gehen?“ auch mal ganz charmant.

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