"Meins ist aber ganz schön scharf"

Manche Sätze hört man öfter als Andere. Regelmäßig stellt unser Autor einen vor.
max-scharnigg
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Illustration: Julia Schubert



Wir leben in friedlichen Zeiten, in denen für viele die größte Bedrohung des Monats von einer Chilischote ausgeht. Deswegen muss man beim Essen ständig darüber reden, wer wie scharf kann. Da gibt es zwei nennenswerte Lager. Die einen fürchten sich sehr davor, nicht zu wissen, wie scharf das Essen sein wird, das sie gleich vorgesetzt bekommen. Die anderen wissen hingegen schon, dass es ihnen nicht scharf genug ist und verkünden deshalb sobald sie zur Tür reinkommen: Ich liebe ja scharf. Letzteres gilt weiten Kreisen gemeinhin als Beweis achtbarer Manneskraft bzw. sorgt für spontane Heiratsanträge, wenn es mal eine Frau ist, die sich maximale Schärfe ausbittet. Denn wer sehr scharfes Essen aushält, so die gesellschaftliche Schlussfolgerung, der müsste auch die Würze des Lebens, die Bitternis der Berufswelt und die Säure der Seniorenliebe ertragen können. Wer hingegen schon bei Curry-Ketchup transpiriert, herrje, wie will der seinen Weg machen? Dabei darf die vorsichtige Vermutung angestellt werden, dass alle, die das Scharfe so brutal lieben, das nur deswegen tun, weil es der einzige Geschmack ist, den sie überhaupt noch erkennen.
  Zwischen diesen beiden Positionen also gibt es eine kulinarische Mitte für alle jene Menschen, die Zungen in der Standardkonfiguration benützen. Deren wichtigste Funktion ist es dann auch, während einer Mahlzeit aufzumerken und erst den Hauptsatz und dann den Nachtrag Aber das ist so eine gute Schärfe loszuwerden. Wobei man darauf achten sollte, dass die gute Schärfe so ausgesprochen wird, als wäre es ein sehr seltenes, salbungsvolles Ereignis. Bedeutet: Diese gute Schärfe ist wie das gute Buch und das gute Gespräch etwas, das in unserer schnelllebigen Zeit leider viel zu kurz kommt. Meistens sind das Chili und die Arrabiata so pepperonisiert, das es einem schon vor dem eigentlichen Gabelbissen den Mundraum auskärchert und alle reihum einen Schluckauf bekommen. Ein besonders liebenswerter Reflex ist es dann, zum Wasserglas zu greifen, ganz wie man es als Kind getan hat, um das kleine Lagerfeuer schnell zu löschen. Doch immer hockt auch einer am Tisch, der daraufhin altklug spricht. Nimm lieber ein Brot, das hilft besser gegen Schärfe. Nach dem Löschwasser muss man also brav in ein Löschbrot beißen und immer noch tränen die Augen, am Ende knüllt man sich gar die Leinenserviette auf die Zunge, legt sich lindernde Kohlblätter auf die Brüste und feuert trotzdem aus allen Poren so ähnlich wie die Seebühne bei den Bregenzer Festspielen. Scharfes Essen? Eigentlich immer eine Zumutung.

Text: max-scharnigg - Illustration: Katharina Bitzl

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