"Na?"

100 Sätze reichen für ein ganzes Leben. Regelmäßig stellt unser Autor einen vor.
max-scharnigg

Wenn ich mal aus diesen blühenden Gestaden abberufen werde, daraufhin an der Himmelspforte vor den Dr. Schöpfer treten müsste und er würde mich dort mit einem „Na?“ empfangen, dann ginge das schon in Ordnung. Der Gott darf das. Der hat gewissermaßen qua Amt eine solche Autorität, dass er sich zurücklehnen und „Na?“ sagen kann und das Menschlein vor ihm erzählt darauf fromm sein ganzes Lotterleben. Es weiß jedenfalls schon, was gemeint ist. Alle anderen dürfen das „Na?“ aber eher nicht. Trotzdem hat es heute das „Wie geht’s?“ als das abgelöst, was nach „Hallo!“ kommt und ist eine Unsitte. Hatte das „Wie geht’s?“ schon immer einen aufgesetzten amerikanischen Touch, ist das „Na?“ einfach nur wortgewordene Maulfäule und Kennzeichen von Blasiertheit.

Als solcherart Begrüßter soll man sich gefälligst aussuchen, was auf das „Na?“ zu erwidern ist, es lässt einem schließlich alle Möglichkeiten. Zum Beispiel könnte man einfach „Ja“ sagen und weitergehen, da hätte man nichts falsch gemacht und wäre nicht mal unhöflich. Es gibt auf „Na?“ eben keine richtige, falsche oder erwartete Antwort, das macht diese Floskel so unangenehm. Man kann sie sogar nicht mal an den Na?-Sager retournieren, was bei „Wie geht’s?“ immerhin blendend funktionierte. Doch selbst wenn man auf das „Na?“ mit der gebotenen Höflichkeit erklärt hat, woher man kommt und wohin man geht, lässt sich daran schwer: „Und jetzt also zu dir: Na?“ anknüpfen. Nein, es gehört immer nur dem einen von zwei und ist deswegen wie ein Pokal beim Tennis, nur dass ein Spieler ihn schon vor dem Spiel mit auf den Platz nimmt und auf seine Seite stellt. Das „Na?“ war auch noch nie freundlich gemeint. Strenge Eltern und moralische Kommissare benutzen es seit jeher, wenn einem Lausbuben das Stündlein der Reue schlagen soll. Dazu kommt noch die unfeine körperliche Untermalung des „Na?“. Es ist ein reines Kinnwort, das bedeutet, das Kinn wird dabei gleichzeitig maximal rausgehängt und hochgerissen. Im Idealfall entfleucht dann das unselige „Na?“ am Scheitelpunkt der Kinnumlaufbahn – quasi als verbaler Hammerwurf. Solcherart beworfen, fühlt man alles andere als die Erotik des Smalltalks und darf deswegen gerne weitergehen, finde ich. Findet Gott sicher auch.

Text: max-scharnigg - Illustration: Katharina Bitzl