"Stör ich gerade?"

100 Sätze reichen für ein ganzes Leben. Jede Woche stellt unser Autor einen vor. Heute geht es ums mobile Telefonat
max-scharnigg

Schon seit dieser einen Klassenparty, die ich als Einziger ungeküsst verließ, hatte ich einen dringenden Verdacht: Diese Welt braucht mich nicht so unbedingt. Aber erst seit sich die Handy-Etikette breit gemacht hat, formuliere ich diesen Verdacht laut und deutlich, wenn ich auf einer Mobilnummer anrufe. "Störe ich?", frage ich automatisch und rechne es dem Wohlwollen meiner Bekannten an, dass bis jetzt noch nie jemand darauf: "Ja, du störst. Und zwar eigentlich seit der Klassenparty damals!" geantwortet hat.

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Illustration: Julia Schubert

Als es nur Festnetztelefone gab, war es jedem Anrufer egal, ob er störte oder nicht, er hat einfach losgequatscht und man musste irgendwann bremsend: "Du, ist gerade schlecht, wegen großer Ameisenvernichtungsaktion hier. Ich ruf später zurück!" sagen. Seit der Mobilmachung der Gespräche aber wird unterstellt, dass ein Anruf auch mal ungelegen kommen könnte. Deswegen gilt es als nett, sich nach den Umständen zu erkundigen, in die er platzt. "Stör ich?" heißt eigentlich "Was machst du gerade?". Der Hauptsatz ist also nicht nur recht indiskret, sondern auch stark rhetorisch. Noch nie jedenfalls hat auf die Frage "Stör ich?" jemand zu mir einfach "Ja." gesagt und aufgelegt. Allerdings rufe ich auch selten Boxmanager an, sondern meist zivilisierte Mittzwanziger. Die antworten entweder "Nein, störst gar nicht", oder sie erklären mir, was sie gerade machen und hoffen, dass ich so schon selber merke, ob ich störe. Sie sagen: "Du, ich jongliere hier gerade mit brennenden Gartenstühlen, fahre freihändig und da hinten kommt die Polizei, aber passt schon, was gibt's denn?" Meine Aufgabe ist es dann, dieses Gerede zu ignorieren und so zu telefonieren, wie ich es vorhatte, ganz als wäre es friedliche Festnetzzeit. Es handelt sich bei "Stör ich?" nur um eine scheinbare Rücksichtsnahme, ganz eigentlich ist es sogar brüskierend. Denn wenn ich von siebzehn Menschen angerufen werde, die mir alle ihr vorwitziges "Stör ich, stör ich?" in die Ohren pusten, auf das ich stets "Nein, gar nicht." antworten muss, wie fühle ich mich dann? Genau, wie einer, dessen Tagwerk vollkommen unerheblich und dessen Leben insgesamt so undringlich ist, dass auch tausend Anrufer nicht stören würden. Der Leser ahnt es: Dieses Gefühl ähnelt ziemlich genau dem nach der Klassenparty.

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