Wenn was ist, du hast ja meine Nummer

Manche Sätze hört man häufiger als andere. Regelmäßig stellt unser Autor einen davon vor.
max-scharnigg

Dieser besondere Zeitpunkt, wenn was ist, verfolgt mich schon ziemlich lange. Schon als Kind, wenn meine Eltern nach der Südsee aufbrachen, versorgten sie mich mit dem Rat: „Wenn was ist, klingle einfach bei Frau Lehrmann.“ Was los sein musste, um ein Klingeln bei Frau Lehrmann zu rechtfertigen, blieb unklar. Ich fragte auch nicht nach, weil ich dachte, wenn es dann soweit wäre, wäre mir schon klar dass es jetzt ist. Also, das was. Es war aber tatsächlich nie was. Später in der Schule, gab es einen Vertrauenslehrer. Der ging mit gütigem Gesicht herum und ließ die Tür zu seinem Vertrauenslehrerzimmer immer ganz weit offen stehen, nämlich demonstrativ. Man könne jederzeit zu ihm kommen, wenn was ist, so hieß es. Und die Tür wäre dann natürlich auch mal zu, wenn man von dem was ist, erzählen möchte. Es war schon manchmal was in der Schule, Armbrüche (Fangen!), Einbrüche (Noten!), Ausbrüche (Tränen!), aber nie war es dieses vage, geheimnisvolle, das keiner benennen konnte, für das es aber ein Extrazimmer mit einem Extralehrer drin gab.

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Illustration: Julia Schubert


  Je älter man wird, desto mehr kann das was von „Wenn was ist“ bedeuten. Wenn was ist mit dem Projekt, sagt man den Kollegen, könnten sie jederzeit anrufen, auch am Wochenende, dann aber nur zur Not und das heißt natürlich: Auf keinen Fall anrufen, egal was ist.
  Wenn zwischendurch was ist, so sagt es mir meine Friseurin jedes Mal, kann ich natürlich auch einfach schnell ohne Termin vorbeikommen. Es war noch nie was mit meinen Haaren in den exakt fünf Wochen, die zwischen zwei Terminen vergehen, aber irgendwann, ich ahne es, einmal wird was Ungeheuerliches sein auf meinem Kopf und dann werde ich dankbar auf das Angebot zurückkommen.
  Deutlich mehr Sorgen löst das was in anderen Zusammenhängen aus. Der Satz: „Es ist was mit Opa.“ führt meistens direkt auf die Intensivstation, wohingegen der Satz „Da ist, äh, schon noch was“ im Laufe von ernsten Beziehungsgesprächen sich etwa so angenehm anfühlt wie ein guter Leberhaken.
  Ganz oft aber, steckt hinter dem Hauptsatz „Wenn was ist, du hast ja meine Nummer“ auch gar nichts. Weder der Sprecher noch der Empfänger haben ansatzweise eine Vorstellung, warum etwas sein sollte. Der Satz ist einfach eine gute, geschäftig und engagiert klingende Standard-Abschiedsfloskel, für Menschen, die sich in irgendeinem kleinen bis mittleren Abhängigkeitsverhältnis befinden, sei es pekuniär, sexuell oder ideologisch. Wenn der eine dem anderen anbietet, sich im Falle eines nicht näher definierten was melden zu dürfen, dann ist das nichts anderes als das Signal, dass alles in Ordnung ist zwischen den beiden und die Dinge wie gehabt laufen. Natürlich nur so lange bis wirklich mal was ist.

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