Was mir das Herz bricht: Schneepflüge ohne Schnee

Die Geschäftsidee war gut – das Wetter leider auch.
Von Christina Waechter
Illustration: Katharina Bitzl

Vor einigen Jahren fielen sie mir erstmals auf: Kleine Jeep-ähnliche Gefährte oder Mini-SUVs, bei denen vorne ein Schneepflug montiert war. Immer häufiger sah ich sie an Ampeln stehen und wunderte mich ein wenig über den Sinn und Zweck dieser Privatpflüge.

Aber zum Glück für neugierige Menschen wie mich gibt es das Internet und bald wurde ich ausgerechnet auf Ebay Kleinanzeigen fündig: Diese Menschen waren findige Geschäftsleute. Denn offenbar gibt es nicht wenige Menschen in Deutschland, die keine Lust (oder keine Kraft) mehr haben, den Gehweg an ihren Grundstücken selbst von Schnee und Eis zu befreien, ganz traditionell mit Schneeschaufel und Eis-Pickel. Weshalb sich da eine kleine Marktlücke aufgetan hat, in die diese Jeep-Besitzer sich jetzt reinfräsen. Als privates Schneeräumkommando, zuverlässig, schnell und motorisiert. Anruf genügt!

Ich habe allerdings noch nie so einen Mini-Jeep in Aktion gesehen, sondern immer nur in schneelosen, sonnigen Momenten durch die Gegend kurven sehen. Die Zeiten, in denen der Winter in Deutschland weiß und kalt und hart war, sind bekanntlich wegen des Klimawandels fast vorbei. Stattdessen ist der Winter heute eher kalt und hart und braungraubeige. Aber das scheint diesen privaten Räumkommandos niemand erzählt zu haben.

Immer, wenn ich wieder an einer Ampel so ein Gefährt sehe, stelle ich mir vor, was diesen Menschen bewogen haben könnte, sich so ein Teil vors Auto zu schnallen. Weil: schön anzusehen ist das ja nicht.

Vermutlich ist der Mann (es sitzt immer ein Mann am Steuer) mal bei seinen Recherechen im Netz darauf gestoßen, dass man Geld damit verdienen kann, faulen Hausbesitzern deren winterliche Pflichten abzunehmen.  „Hussa“, hat der Mann dann vielleicht gedacht, „das ist leicht verdientes Geld. Wenn ich mir für ein paar hundert Euro so eine Schneeschaufel an die Karre schnalle, dann schaffe ich zehn Grundstücke in fünf Minuten (Mathe und Selbsteinschätzung ist in meiner Vorstellung nie eine besondere Stärke des Menschen) und komme damit auf einen Stundenlohn von ...... hmmmm..... also aufgerundet ungefähr 200 Euro.“ In seinen Augen blitzen die Euro-Zeichen, er sieht sich schon das leicht verdiente Geld zählen, und der Erwerb eines riesigen Flachbildfernsehers erscheint plötzlich durchaus machbar. Und noch dazu wird er der Held der Nachbarschaft sein, weil er frühmorgens die Anwohner von ihren winterlichen Sorgen befreit. Er wird nach getaner Arbeit in dankbare Augen blicken, vielleicht den ein oder anderen Kaffee ausgeschenkt bekommen und wer weiß? Vielleicht bekommt er auch vom ein oder anderen Auftraggeber ein ordentliches Trinkgeld in die Hand gedrückt.

Also wird das Teil im Fachhandel besorgt, ans Auto geschnallt und dann wird der Wetterbericht gecheckt. Und noch mal nachgeschaut. Eine Wetter-App installiert. Kachelmann auf Twitter gefolgt. Dann wird die Großwetterlage gecheckt. Nach ein paar Wochen womöglich sogar eine Kerze für die Heilige Frau Holle angezündet (oder wer halt sonst so in seinem religiösen Gefüge für Schneefall zuständig ist). Und irgendwann über den Klimawandel aber so dermaßen abgegrantelt. Denn dem armen Mann dämmert langsam, aber sicher: Er ist nicht der Held, er ist einfach nur der komische Typ aus der Nachbarschaft, an dessen Auto vorne ein riesiger, sinnloser, Sprit saufender, weil sehr schwerer Pflug hängt. Er ist der Depp, der sich ausgerechnet auf das Wetter verlassen hat. Das WETTER!  

Nach vier Monaten schneelosem Winter wird die Schaufel wieder abmontiert und im Netz verkauft („so gut wie neu!!!!! kaum benutzt!!!! Schnäppchen!!!!!! Nur Selbstabholer“). Und der Traum vom leicht verdienten Geld ist ausgeträumt.

Diese gefühlte Kombination aus grenzenlosem Optimismus, Bauernschläue und den widrigen Realitäten bewirkt, dass es in meinem Herzen leise „knack“ macht. Und dass ich mir einmal mehr wünschte, der Winter käme wieder zurück, auch in unsere niederen Lagen. Auf dass die aufgemotzten Schneeräum-SUVs endlich wieder etwas zu tun haben. Und die armen Männer darin zumindest ihre Anfangs-Investition wieder reinräumen können. Heilige Frau Holle, hilf!  

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