Männer, die alleine essen

Keine Freunde, keine Frau, kein Kochtalent: Wenn Männer allein in Restaurants sitzen, bricht unserem Autor jedes Mal das Herz. Folge zwei der neuen Kolumne über Momente, in denen es leise Knack macht.
jan-stremmel

Es ist Mittag oder Abend, ganz egal, Hungerzeit jedenfalls. Das Restaurant ist gut gefüllt, zur Hälfte mit Menschen, zur anderen Hälfte mit Geräuschen. Stimmen murmeln, Gläser tocken auf Tischplatten, Tassen klirren auf Untertassen, hin und wieder bricht Gelächter aus. Nur an einem Tisch sitzt ein Mann, der weder lacht noch spricht. Das einzige Geräusch, das von ihm kommt, ist das Klicken seiner Gabelspitze auf Porzellan.

Der Mann redet nicht und lacht nicht, weil da niemand ist, mit dem er reden oder lachen könnte. Der Mann sitzt allein am Tisch. Er isst. Bedächtig und konzentriert. Nicht eher so nebenbei, wie die anderen Menschen im Raum, deren Hauptbeschäftigung trotz des Essens auf dem Teller das Gespräch mit ihrem Gegenüber ist. Der Mann tut nur das: Kauen, schlucken, schneiden. Gabeln, kauen. Schlucken. Zwischendurch nippt er am Bier oder an der Apfelschorle.  

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Illustration: Julia Schubert

Knack!

Vielleicht sieht der Mann etwas ungekämmt aus; noch schlimmer aber ist es, wenn er mit gebügeltem Hemd oder Anzug auftritt. Vielleicht ist er mächtig, ein abgeklärter Chef, ein Abteilungsleiter, vielleicht auch nur ein betriebsamer, fleißiger Mann. In dem Moment, in dem er alleine isst, ist er einfach nur ein Mensch, der etwas essen muss, weil jeder essen muss. Er ist zurückgeworfen auf die Aufnahme von Nährstoffen. Der Energiebedarf treibt ihn dazu, ob er will oder nicht. Es geht in diesem Moment nicht um Stolz und Würde, um Worte oder Gesten, mit denen er einen Schutzwall um sich errichten könnte. Es geht um: Hunger.

Der Mann hat kein Gegenüber, kein Publikum, keine Nebenbeschäftigung, die die Nahrungsaufnahme als soziales Event ummanteln würde. Der Esser ist in diesem Moment so bei sich selbst, als säße er auf dem Klo. Man fragt sich, ob er keine Freunde hat, keine Frau, keine Kollegen, die mit ihm Mittagessen wollen. Warum isst er nicht zu Hause? Kann er möglicherweise gar nicht kochen? Warum wirkt er nicht so, als würde er sich gerade genießerhaft etwas gönnen, wie es allein essende Frauen in Restaurants fast immer hervorragend hinbekommen? Und ist ihm das egal, oder schämt er sich dafür, was die Sache nur noch schlimmer machen würde?

Der einsame Esser bündelt einen Moment lang die ganze Sinnlosigkeit menschlicher Existenz. Den ewigen Kreislauf aus Fressen und Verdauen, der uns antreibt und doch irgendwann umbringen wird, wenn die Organe abgewetzt und morsch sind und sowieso niemand mehr lebt, der mit uns essen will. Der Mann, der in der Öffentlichkeit alleine isst, sticht einem kurz die Vergänglichkeit der ganzen Welt ins Herz.

Text: jan-stremmel - Illustration: katharina-bitzl

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