Was mir das Herz bricht: Pfarrer beim Weihnachtsgottesdienst

Sie warten das halbe Jahr auf ihren großen Tag. Dabei sind die meisten nur aus Nostalgie und schlechtem Gewissen da.
Von Kolja Haaf

Illustration: Julia Schubert

Das Murmeln mehrerer hundert Stimmen dringt aus dem Kirchenschiff gedämpft an die Ohren des alten Pfarrers. Hier hinten im Backstagebereich, der Sakristei, übt er ein letztes Mal sein Repertoire an würdevollen Gesichtsausdrücken. Und während ihm jemand die Stola zurechtzupft, begegnet ihm im Spiegel sein sonst so müder Blick, in dem er heute, zum ersten Mal seit genau einem Jahr, endlich wieder dieses festliche Funkeln entdeckt. Denn es ist Messe an Heilig Abend. Sein einzig wirklich großer Auftritt im Jahr. Seine Chance to shine.

Es wird still, als er auf die Bühne kommt, in seinem prächtigen Gewand, gefolgt von zwei pickligen Ministrant*innen mit feierlichen Mienen. 

Er und seine handvoll ehrenamtlicher Gemeindehelfer*innen sind wochenlang Abläufe durchgegangen, haben Deko gebastelt und Lieder geübt für diese einmalige Gelegenheit, vielleicht jemanden zu erreichen. Ihr Licht weiterzugeben. Aber ahnen sie, dass wir, die wir uns heute her verirrt haben, nur das mittelmäßige Weihnachtsprogramm im ZDF vermeiden wollen? Oder unsere Kinder bis zur Bescherung beschäftigen müssen? Oder allerhöchstens aus einer Mischung aus kitschiger Nostalgie und schlechtem Gewissen hier sind? Dass ein nicht geringer Teil von uns schon angetrunken ist? Wie gelangweilte Pauschaltouristen bei einer Tanzdarbietung der Einheimischen? 

Das Knarzen der Bänke übertönt das leise „Knack“ in meinem Herzen

Sie ahnen es nicht. Und als wir uns nach und nach erinnern, dass man zur Begrüßung des Pfarrers aufsteht, übertönt das Knarzen der Bänke ein leises „Knack“ in meinen Herzen.

Er verneigt sich vor dem Altar und dreht sich dann zur Gemeinde. Und in diesem Moment kann man die Überwältigung in seinen Augen sehen: So viele Menschen passen in diesen Raum? Und die bleiben bis zum Schluss? Sind das da vorne etwa Jugendliche?

Wie weggewischt sind die unzähligen trostlosen Sonntage vor einer handvoll versprenkelt sitzender Gestalten, an denen er sich fragt, ob er nicht doch Landschaftsgärtner hätte werden sollen. Und die stillen Freitage, an denen er gelangweilten Senioren die Beichte abnimmt, denen die Wartezeiten beim Hausarzt zu lang waren: „Nein, Frau Gruber, chronische Blähungen zu haben, ist keine Sünde.“

Aber jetzt ist die Kirche voll und alles ist so schön vorbereitet. Und die Krippe! Hoffentlich haben alle die Krippe gesehen (von einem lokalen Künstler modern interpretiert)! Aber er darf sich nichts anmerken lassen. Pokerface. Einfach so tun, als ob eine volle Kirche für ihn ganz normal sei. Wenn er souverän genug bleibt, kann er ja vielleicht diesmal das Ruder rumreißen und eine Ära religiösen Wiedererwachens in der Gemeinde einleiten. Er muss nur abliefern. Und die Predigt ist wirklich stark geworden dieses Jahr.

Floskeln, die sich seit meiner Erstkommunion nicht geändert haben

Und dann fängt er an: „Liebe Brüder und Schwestern…“ Ein Rauschen wie von Engelsschwingen geht durch die Kirche als Hunderte Ohren gleichzeitig auf Durchzug schalten. In diesem typischen Tonfall, wie ihn nur deutsche Geistliche hinkriegen – irgendwo zwischen Angela Merkel, Kinderarzt und Kassenwart eines Modelleisenbahnvereins – versucht er, die ganz große Besinnlichkeit heraufzubeschwören. Mit Floskeln, die sich seit meiner Erstkommunion nicht geändert haben: „Gerade in diesen schnelllebigen Zeiten...“ und „lernen, einander zu vertrauen“ und „innehalten“ und „Mut haben zum Glauben“.

Zwischendurch versucht er auch immer wieder so rührend, zeitgemäß zu sein, lebensnah und relevant. Besonders stolz ist er auf rhetorische Höhepunkte wie „Christus liken“ und eine wacklige Analogie zwischen syrischen Geflüchteten und Maria und Josef, die nach einer Herberge suchen. Nach jeder Pointe schaut er verschwörerisch die vorderste Reihe an. 

Da vorne steht ein Mann, der sein ganzes Leben auf dieses Glaubensding ausgerichtet hat

Beim Kinderkrippenspiel, dem heimlichen Unique Selling Point der Messe, atmen die meisten wieder kurz auf: Mit tapsigen Kindern in Ochs- und Esel-Verkleidung kann jeder was anfangen. Aber der herzerwärmende Anblick wird kontrastiert von einer Ehrenamtlichen mit randloser Brille, Pagenschnitt und furchtbarem Lampenfieber, deren spröde Warteschleifenstimme schonungslos im Kirchenschiff nachhallt: „Es begab sich aber. Zu der Zeit. Dass ein Gebot vom Kaiser Augustus ausging.“ Wenn sie könnten, würden die übergewichtigen Barock-Engelchen, die ihr vom Gewölbe aus zuschauen, sie ganz fest in ihre speckigen kleinen Arme nehmen.

Als dann die Ministrant*innen vor der Kommunion diese dissonanten Glöckchen läuten und der Pfarrer „Geheimnis des Glaubens“ verkündet (#katholikeninsidercontent), wissen viele noch instinktiv von früher, dass es nicht mehr lange dauert. Er merkt, wie sich Erleichterung breit macht. Aber er weiß auch, dass wir gerade jetzt unsere Deckung runterlassen. Denn bei der Hostienvergabe muss jeder einzeln vor ihm stehen. Sein Jägerinstinkt regt sich. 

Und mit jedem Schritt vorwärts in der Schlange merke ich, wie meine Überheblichkeit sich in Scham wandelt. Da vorne steht ein Mann, der sein ganzes Leben auf dieses Glaubensding ausgerichtet hat. Der erkennt mich doch sicher nicht noch von vor 20 Jahren, oder? Dann stehe ich vor ihm. Er hält die Hostie vor mein Gesicht und sagt „Der Leib Christi.“ Aber seine Augen sagen: „Natürlich kenne ich dich noch, mein Kind. Und ich weiß, gerade du hast es nicht leicht im Leben. Aber weißt du was? Alles wird gut.“ Und da, für einen Moment, erschauert mein Herz in wohlig-warmem weihnachtlichem Kribbeln. Ich empfange die Hostie, neige mein Haupt voller Demut und sage „Amen“. Dann würge ich das klebrige Esspapier runter und wir lassen den alten Mann zurück in seinem großen, kalten Haus aus Stein.

  • teilen
  • schließen