Schmuddelig und traurig

Kleine Plüschtiere, die an den Rucksäcken erwachsener Menschen hängen, brechen unserer Autorin das Herz. Folge fünf der Kolumne über Momente, in denen es leise "Knack" macht.
nadja-schlueter

Vor mir geht ein erwachsener Mann mittleren Alters, an dem Mann hängt ein Rucksack und an dem Rucksack hängt ein Schaf. Aus Plüsch, mit dicker Nase, Knopfaugen und mit zu großen, runden Hufen an zu dünnen Gliedmaßen. Bei jedem Schritt, den der Mann macht, hüpft es an seinem silbrigen Schlüsselring, der am Reißverschluss des Rucksacks befestigt ist, und es sieht aus, als habe es längst resigniert, so sehr lässt es Kopf, Arme und Beine hängen. Es ist auch ein bisschen schmuddelig, das Weiß an Bauch und Kopf ist angegraut, das Beige an Nase und Hufen ist an einigen Stellen zu einem fleckigen Braun geworden. Lange schon muss es dort hängen, das Schaf. Wie immer, wenn ich eines dieser Schafe oder ein anderes Tierchen aus der riesigen Nici-Kollektion an Rucksäcken erwachsener Menschen sehe (meistens an denen von Mitarbeitern der Deutschen Bahn oder von untersetzten Mittvierzigerinnen mit zeltartigen Oberteilen) wird mir ganz anders. Ganz flau. Ganz gleich-muss-ich-weinen.  

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Illustration: Julia Schubert



Dass die Nici-Tierchen einem das Herz brechen können, liegt nicht daran, dass sie so niedlich sind. Alles an ihnen, das sieht man sofort, ist süß gemeint – und das ist natürlich das Gegenteil von süß. Tierbonus, Kindchenschema, zu große Nase, zu große Füße, Plüsch, das ist die sehr durchschaubare Schablone, mit der Nici-Tierchen gefertigt werden. Seit Ewigkeiten schon, denn es gab sie bereits, als man zum neunten, zehnten, elften und zwölften Geburtstag der besten Freundin jeweils drei Teile aus dem „Nanu Nana“ zusammenkaufte, eins davon immer ein Nici-Tierchen, oft sogar mit Schlüsselring, das die Freundin dann als Zeichen der Freundschaft am Schulranzen tragen musste. Damals, als man noch reinfiel auf komische Verkaufstricks für vollkommen sinnloses Zeug. Nici-Tierchen sind vielleicht das Sinnloseste, was es zu kaufen gibt, weil sie in ihrer Sinnlosigkeit nicht mal schön sind, nicht außergewöhnlich, nicht raffiniert oder geschmackvoll. Allein das ist zum Heulen. 

Die Kombination „hässliches, plüschiges Ding“ und „erwachsener, seriöser Mensch“ ist allerdings besonders schlimm. Bei Kindern kann man darüber hinwegsehen, dass sie sich für Nici-Tiere begeistern. Immerhin hat sie sich jemand ausgedacht, um genau das zu erreichen. Aber woher hat der Mann da vorne das Schaf, das am Rucksack hängt? War es ein Geschenk? Dann ist es besonders traurig, weil nur sehr unkreative erwachsene Menschen Nici-Tierchen verschenken. Solche, die denken, dass man fehlendes Herz durch Niedlichkeits-Kommerz ausgleichen kann. „A world of friends“ lautet der Nici-Slogan. Freundschaft, das wird hier suggeriert, braucht keine Pflege. Sie braucht nur billiges Plüsch.  

Oder hat der Mann das Schaf etwa selbst gekauft? Dann ist es noch trauriger, denn wie einsam muss jemand sein, der sich sinnlosen Kram, der als liebloses Geschenk gedacht ist, selbst kauft? Man stelle sich das vor: Der einsame Mann, wie er vor der Nici-Schäfchen-Kollektion „Jolly Mäh“ steht. Wie er ein Schaf in den Händen wendet, den Finger durch den Ring führt, das Tierchen ein bisschen drückt und lange ansieht. Wie er das süß findet, weil er gar nicht weiß, was wirklich süß ist, weil das Süße in seinem Leben so ganz fehlt. Wie er ganz tief drinnen längst weiß, dass ihm niemals jemand etwas so Süßes wie dieses Schaf schenken wird. Wie er es dann kauft. Wie er, als die Verkäuferin „Soll ich es als Geschenk einpacken?“ fragt, ganz leise „Ja“ sagt.  Und wie er es dann später an den Rucksack hängt, damit die Menschen draußen denken, dass es jemanden gibt, der ihm etwas schenkt.  

Es bleibt ein kleiner Trost: Es könnte doch immerhin sein, dass der Mann ein kleines Kind hat, das ihm das Schaf geschenkt hat. „Für dich“, hat das Kind gesagt, „du musst es immer mitnehmen.“ Und jetzt trägt er „Jolly Mäh“ am Rucksack, damit das Kind glücklich ist. So wie er auch das selbstbemalte T-Shirt trägt und das selbstgemalte Bild im Büro hängen hat, obwohl das alles gar nicht schön ist. Das Blöde an diesem Trost: Auch diese Möglichkeit bricht einem schon wieder das Herz. Aber wenigstens, weil man so gerührt ist.



Text: nadja-schlueter - Illustration: Katharina Bitzl

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