Verlorene Kleidungsstücke

Man weiß: Irgendwo wartet noch jemand auf sie. Man weiß: Allein ergeben sie keinen Sinn mehr. Deshalb bricht unserer Autorin jedes Mal das Herz, wenn Kleidungsstücke am Wegesrand liegen. Teil drei der jetzt.de-Kolumne, in der es leise "Knack" macht.
mercedes-lauenstein

Ein verlorener, irgendwo herumliegender Gegenstand ist immer wie eine rausgerissene Seite aus einem Buch mit sehr großen Buchstaben. Man kann nur raten, wie sich alles zugetragen hat. Und gerade bei verlorenen Kleidungsstücken denkt man dabei eher an etwas Tragisches als an etwas Schönes oder Lustiges.

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Illustration: Julia Schubert



Traurig ist aber an dem Anblick von einem verlorenen Gegenstand nicht nur die mögliche grausige Geschichte dahinter. Am allertraurigsten sind verlorene Kleidungsstücke eigentlich dann, wenn sie ursprünglich mal einen Partner hatten. Einen linken Handschuh. Einen rechten Stiefel. Man weiß, irgendwo wartet noch jemand auf sie. Man weiß, allein ergeben sie keinen Sinn mehr. Und deshalb wecken sie nicht nur Mitgefühl für den ursprünglichen Besitzer, sondern noch ein anderes, zweites, verrücktes Mitgefühl für den Gegenstand selbst: Er hat seine zweite Hälfte verloren. Der einst so fröhlich verpartnerte Gegenstand als bewegungsunfähiger Witwer, als ewig stummer Zeuge seines eigenen Kriminalfalls.

Und auf der anderen Seite, ahnt man, sieht es ja nicht einmal besser aus. Vielleicht sitzt irgendwo jemand mit dem zurückgebliebenen Handschuh im Warmen, könnte sich darüber glücklich schätzen und kann es doch nicht. Weil etwas fehlt. Er starrt nach draußen und fragt sich: „Wo nur ist mein zweiter kleiner roter Handschuh, er muss doch irgendwo sein!" Und er hat Recht, denn irgendwo auf dieser Welt ist er ja noch. Irgendwo muss er sein, wenn ihn kein Walfisch verdaut hat. Es ist zum Verrücktwerden, dass der Suchende jetzt nicht zufällig eine Eingebung kriegt, einen kleinen GPS-Blinker auf seinem Telefon, und dann genau weiß, auf welches konkrete Wo sich dieses unendliche Irgendwo begrenzt.

Vielleicht aber und man weiß gar nicht, was trauriger ist, sitzt auch irgendwo jemand und denkt all das eben nicht. Weil es ihm längst egal ist, was mit dem zweiten Handschuh ist. Und das macht beide Gegenstände, den verlorenen und den im Warmen, noch viel einsamer in ihrer Trauer.

Der auf einem Zweig thronende Handschuh erzählt aber auch noch eine zweite, rührende Geschichte. Nämlich die der Hoffnung in einem meist doch hoffnungslosen Fall. Er wurde aufgespießt von einem, in Tageszeitungen würde man schreiben: „beherzten" Mitbürger, der in seinem Leben auch schon einmal etwas verloren hat, und daher von der hilfloses Trauer eines Verlierers weiß. Und nun das einzige versucht, was ihm als Akt der Linderung einfällt: Aufheben. Auf einen Sockel stellen. Ein kurzes Stoßgebet denken, dass jemand vielleicht doch noch nicht zu viele Kilometer weggefahren ist, doch noch eine Idee hatte und jetzt den Weg noch einmal, ganz außer Atem, herunter rennt. Und dass er dann nicht blöderweise auch noch an dem Handschuh im immer dreckiger werdenden Dreck vorbeiläuft, sondern ihn schon von weitem da sitzen sieht, auf dem Thron, dem ihm von einem fremden Freund verliehen wurde.

Meistens aber kommt dieser Jemand nicht mehr zurück. Irgendwann weht also der kleine rote Handschuh hinunter und fällt in den Hagebuttenstrauch hinein, und verrottet, ohne dass jemand davon weiß. Dieses traurige Szenario wohnt dem noch so hoffnungsvoll aufgespießten Handschuh bereits inne.

Und deshalb ist er nichts anderes als die Verhandschuhisierung des Gedankens: Es kann so schnell vorbei sein. Es gehen so schnell und so oft Dinge verloren, Trennung, Tod, Trauer und Verlust lauern an jeder Straßenpfütze. Manchmal merkt nicht einmal jemand etwas davon. Und niemand kann etwas dafür.

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