Was mir das Herz bricht: Baumarkt-Kunst

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Wohnungs-Einweihungsfeiern sind eine gesellschaftlich akzeptierte Voyeurismusveranstaltung: Viele Menschen befriedigen ihre Schaulust und keiner findet etwas dabei. Man kann die Schlafvorlieben des Arbeitskollegen begaffen (Frottee- oder Satinbettwäsche?), erfährt etwas über die Hygienegewohnheiten von Bekannten (Nasenhaar-Stutzer und Kokos-Duschgel) und lässt sich dann beim gemeinsamen Essen erzählen, wie mühsam dieser Umzug doch war.  

Dabei fällt auf, wie liebevoll alles extra für diesen Abend gestaltet wurde. Die Servietten (gefaltet!), die Regale (sortiert!) und die Kleidung der Gastgeber (fleckenfrei!). Alles wurde vorher gründlich aufgeräumt, man will den Freunden ja zeigen, wie gemütlich und gleichzeitig geschmackvoll man wohnt. Die Gäste sollen beeindruckt werden und bisher lief das eigentlich auch ganz gut. „Dieser aufgearbeitete Sekretär von der Ur-Oma im Arbeitszimmer ist wirklich ein Schätzchen“, denkt der Gast noch während er sich die perfekt al-dente gekochte Pasta in den Mund schiebt.  

Doch dann, man hatte gerade noch über die verschiedenen Bordeaux-Wandfarben-Töne diskutiert, bleibt das Auge auf einmal an etwas an der Wand hängen wie an einem rostigen Nagel. Es dauert noch einen kurzen Moment, bis sich das Bild zusammenfügt und einem klar wird: Das ist Kunst. Aber eben keine wohlausgewählte und mit Liebe arrangierte, sondern die aus dem Baumarkt. Und in diesem Moment zerfällt das Herz in kleine Dreiecksformen oder galoppiert auf Zebras dem Sonnenuntergang entgegen, je nachdem, was auf diesem Wandbehang abgebildet ist.  

Default Bild

Illustration: Julia Schubert

Knack!

Denn das Bild aus dem Baumarkt reduziert Kunst auf einen einfachen Gebrauchsgegenstand. Etwas, das man zwischen Hammer und Spreizdübel gekauft hat, weil irgendjemand gesagt hat „die Stelle über eurem Sofa ist noch so kahl“. Und schon beim Kauf, als man sich in der Wanddeko-Abteilung durch Plastikrahmen am Posterständer blätterte und toskanarot-grundierte Leinwände befühlte, war klar: Dieses Bild wird mich in spätestens einem Jahr langweilen. Aber dafür passt es gut zu den Sofakissen.  

Natürlich kann sich jeder Mensch an die Wand hängen, was ihm gefällt. Farbspritzer, ein dreibeiniges selbstgemaltes Schwein von der Tochter oder sogar Studio-Nacktfotos vom Partner. Das ist in Ordnung, denn Bilder sollten hauptsächlich einen selbst glücklich machen und weniger die Welt retten. Das Baumarkt-Bild sagt aber nicht einmal „Ich bin geschmacklos“. Es sagt einfach nur: „Ist mir alles egal.“ Bei Menschen, die sich ein Baumarkt-Bild kaufen, tauchen in der „Das könnte Ihnen auch gefallen“-Liste auf Amazon die zerfließenden Uhren von Dali und Rosina Wachtmeister Katzenbilder auf.

In einer Arztpraxis wäre das okay, niemand würde dort erwarten, dass die abstrakten Formen an der Wand auch etwas über die Fähigkeiten des Arztes aussagen. In einer Privatwohnung ist das aber etwas anderes. Und genau das macht es so traurig: Das Baumarkt-Bild zeigt nämlich, dass diese scheinbar so liebevoll eingerichtete Wohnung ein ganz großes Leck hat. Eins aus dem toskanarote Farbe tropft. Dass die Liebe für das eigene Zuhause, dem wohl persönlichsten Ort eines jeden Menschen, an der Obi-Kasse endete. Und vor allem, dass das seinem Bewohner vollkommen wurscht ist.

Text: merle-kolber - Illustration: Katharina Bitzl

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