Kürzlich war ich zum ersten Mal an einem Freitagabend im Fitnessstudio. Sonst gehe ich lieber morgens, und jetzt weiß ich auch wieder, warum.

An einem, sagen wir: Dienstagmorgen ist das Fitnessstudio voll. Agile 41-Jährige rennen über die Laufbänder und schwitzen; bis zur Kastenförmigkeit hochtrainierte 19-Jährige liegen rücklings auf der Hantelbank und stöhnen. Sie alle starten den Dienstag mit körperlicher Ertüchtigung, der Sport ist der Kickstart für einen Werktag voller Vitalität und Tatkraft, der erste Strich auf einer unberührten Leinwand, die im Laufe des Tages noch in allen erdenklichen Farben ausgemalt werden kann. Sport und Duschen und Zack und los!  

Der Freitagabend ist das Gegenteil vom Dienstagmorgen. An einem Freitagabend ist das Fitnessstudio leer. Die Hantelbänke ruhen unbenutzt unter Hantelstangen, auf die niemand Gewichtscheiben geschoben hat, die Laufbänder stehen starr in Reih und Glied. Nur die LEDs in den Kontrollpanels blinken in der Standardschleife, als könnten sie dadurch jemanden überreden, doch wenigstens zwei Minuten zu joggen. Das Radio spielt den Freitagabend-Charivari-Partymix. 

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Knack!

Aber dann ist da außer mir doch noch jemand: Ein knochiger älterer Herr mit labbrigen Jogginghosen und eine rundliche jüngere Frau mit osteuropäischem Akzent. Ich habe sie schon öfter gesehen, sie sind auch manchmal morgens da. Eigentlich sind sie sogar ziemlich häufig da, fällt mir ein. Heute Abend sind es nur wir drei, die sich in den Weiten des Fitnessstudios bewegen wie Kinder in einem Freizeitpark, der nur für sie geöffnet hat. Eigentlich traumhaft. Wenn nur nicht Freitagabend wäre.   

Der knochige Herr sitzt an der Latzug-Maschine, mit der man eigentlich den Rücken trainiert, guckt aber nur so rum. Die Frau mit dem Akzent liegt in der Nähe auf einer Yogamatte und macht bedächtig Sit-Ups. Der knochige Herr beugt sich vor, spannt zwei Gewichtscheiben (2,5 Kilo) in die Maschine und zerrt unmotiviert an den Handgriffen. Dann sitzt er wieder nur da und guckt rüber zur Frau. Irgendwann sagt er: „Schön, oder.“  

Die Frau (unterbricht einen Sit-Up in der Mitte): „Äh was?“
Der Herr (lauter): „Schön, hab ich gemeint! Wenn so wenig los ist!“
Die Frau (verdutzt, will offensichtlich weitermachen): „Ja.“
Vier Atemzüge Pause. Im Hintergrund: der Charivari-Partymix.
Der Herr (nachdrücklich): „Na dann mach’ma mal weiter!“  

Die Szene ist von derart heftiger Trostlosigkeit, dass ich in den Yogaraum nebenan wechseln muss, damit niemand das „Knack“ aus meiner Brust hört. Es ist Freitagabend, die Arbeitswoche ist vorbei, die agilen 41-Jährigen sind bei ihren Familien, die 19-jährigen Kastenförmigen sind beim Saufen, aber der knochige Herr und die Frau mit Akzent tun einfach so, als wäre es ein normaler Dienstagmorgen. Als käme später noch was, für das man Vitalität und Tatkraft bräuchte. Als hielte der Abend für sie noch Farben bereit, in denen man diese graue Szenerie ausmalen könnte. Tut er aber ganz offensichtlich nicht. Es ist Freitagabend um zehn, hier kommt nichts mehr.  

Dann denke ich daran, wie diese beiden Menschen wohl normalerweise ihren Freitagabend verbringen. Allein vor dem Fernseher sitzend? Aus dem Fenster blickend, die Ellbogen auf ein Kissen gestützt? Verloren an einem Tresen stehend, bei anderer Leute Witzen mitlachend? Und wie sie dann wohl erst ihren Samstagabend verbringen! Aber dann fällt mir ein, dass ich heute auch gar nichts mehr vorhabe, was von außen betrachtet irgendwie cool aussähe. Und ich mache weiter mit dem Training. Schön, wenn so wenig los ist!


Text: jan-stremmel - Illustrationen: Daniela Rudolf